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Diplom-Psychologin Marion Sulprizio ĂŒber den Umgang mit Stressoren und Druck

Glaube nicht alles, was du denkst 

Viele Sportler kĂ€mpfen gegen psychische Probleme aufgrund von Leistungsdruck. Auch aus diesem Grund hat die VDV die sportpsychologische Netzwerkinitiative und Beratungsstelle MENTAL GESTÄRKT an der Deutschen Sporthochschule Köln mit ins Leben gerufen. 

WIR PROFIS sprach mit der GeschĂ€ftsfĂŒhrerin Marion Sulprizio ĂŒber den Umgang mit Stress im Fußball. 

WIR PROFIS: Frau Sulprizio, viele Fußballprofis haben mit psychischem Stress als Folge von Leistungsdruck zu kĂ€mpfen. Wie unterscheidet sich dieser Stress im Vergleich zu anderen Sportarten? 

Marion Sulprizio: Aus sportpsychologischer Sicht wĂŒrde ich erst einmal sagen: gar nicht. Stress und Druck sind nichts, was durch den Sport selbst ausgelöst wird, sondern durch die Einstellung der Personen, die diesen Sport betreiben. FĂŒr den persönlichen Umgang mit dem Druck spielt die Sportart also erst einmal keine ĂŒbergeordnete Rolle. Fußball, Handball oder Leichtathletik sind exakt so stressig, wie sie vom Sportler selbst gemacht werden. Der Fußball ist aber, zumindest medial, der Sport Nummer eins und hat daher ein paar besondere Stressoren. 

WIR PROFIS: Welche sind das? 

Marion Sulprizio: Der Fußball bekommt viel Aufmerksamkeit, weswegen die Profis natĂŒrlich unter extremer Beobachtung stehen. Gerade wenn ein Spieler phasenweise mal nicht so gute Leistungen abrufen kann, fĂ€llt die Kritik mitunter geballter und heftiger aus als es vielleicht in anderen Wettkampf-Sportarten der Fall ist. Spielt der Profi in einer höheren Liga, kommt – gerade im Fußball – natĂŒrlich auch schnell das Gehaltsargument: ,Der verdient so viel Geld, der muss auch abliefern‘. Das schafft noch einmal zusĂ€tzlichen Druck. Trotzdem: Leistungen unter Druck muss man in allen Sportarten bringen – nicht nur im Fußball. 

WIR PROFIS: Psychische Belastung in Folge von Leistungsdruck ist also theoretisch auch im Breitensport möglich? 

Marion Sulprizio: Auf jeden Fall! Fragen Sie mal unsere Triathleten, die betreiben enormen Aufwand fĂŒr ihren Sport und trainieren – wie die Profis – unter der Woche extrem hart. Die wollen am Wochenende natĂŒrlich auch abliefern. Wenn sie es dann nicht schaffen, ihre Leistung zu bringen, weil der Kopf nicht mitspielt, dann ist das fĂŒr die genauso dramatisch wie fĂŒr einen Bundesligaspieler. Auch wenn vielleicht keine 60.000 dabei zugeschaut haben. 

WIR PROFIS: Gibt es Persönlichkeitsmerkmale, die mehr oder weniger anfĂ€llig fĂŒr psychischen Stress machen? 

Marion Sulprizio: Die gibt es tatsĂ€chlich. Nehmen wir beispielsweise den Perfektionisten: Dieser Typ Mensch möchte, dass alles genau so passiert, wie er es antizipiert und nicht anders. Sprich: Er will alles unter Kontrolle haben. Wenn es dann mal an einer Stelle hakt oder anders lĂ€uft als geplant, ist diese Person nicht flexibel und damit anfĂ€lliger fĂŒr Stress und Druck. Es gibt Studien dazu, dass perfektionistisch veranlagte Menschen ein eingeschrĂ€nktes Wohlbefinden und sogar ein höheres Risiko fĂŒr DepressivitĂ€t haben. 

WIR PROFIS: Der simple aber dennoch schwer umzusetzende Tipp lautet also: Weniger nachdenken und flexibler sein? 

Marion Sulprizio: Ja, auch wenn es natĂŒrlich leichter gesagt als getan ist. Über Fußballer gibt es ja das böse Klischee, dass sie nicht so reflektiert seien und nicht darĂŒber nachdenken, was sie tun. So etwas ist im Sport aber tatsĂ€chlich eine große StĂ€rke: sich nur auf das Wesentliche konzentrieren, das Umfeld und den Druck komplett ausblenden. 

WIR PROFIS: Welche psychologischen Methoden und Routinen gibt es fĂŒr diejenigen, die Schwierigkeiten damit haben, den Druck auszublenden? 

Marion Sulprizio: Es gibt ganz klassische Gedankenspiele, mit denen ich gegen meine negativen Emotionen arbeiten und mich beruhigen kann. Ich stelle mir zum Beispiel vor, wie ich den kommenden Gegner bereits besiegt oder gegen den TorhĂŒter einen Elfmeter versenkt habe. Oder ich denke daran, wie ich am Strand liege und entspanne, sobald ich merke, dass ich nervös werde. Es gibt auch den Ansatz, seine negativen Gedanken unter Kontrolle zu bringen, anstatt sie zu ĂŒberschreiben. Das ist aber nicht ganz so einfach. 

WIR PROFIS: Warum? 

Marion Sulprizio: Weil ich zunĂ€chst versuchen muss, die Gedanken, die mich unter Druck setzen – etwa „der Schuss muss unbedingt reingehen“ oder „der Bundestrainer guckt zu“ – wahrzunehmen und zu akzeptieren. Das ist erst einmal unangenehm und fĂ€llt daher vielen schwer. Im nĂ€chsten Schritt versuche ich dann, diese Gedanken ins Sportliche zu ĂŒbersetzen; fokussiere mich also darauf, worauf es in diesem Moment ankommt, und lasse mich nicht von möglichen Konsequenzen verunsichern. Dazu gibt es den Spruch: Glaube nicht alles, was du denkst. Denn das, was ich denke, muss nicht unbedingt der RealitĂ€t entsprechen. 

WIR PROFIS: Mit diesen AnsÀtzen lÀsst sich der Umgang mit Druck und Stressoren also tatsÀchlich erlernen? 

Marion Sulprizio: Ja, allerdings unter bestimmten Bedingungen. Zum einen mĂŒssen solche Methoden tĂ€glich trainiert werden – genauso wie Taktik oder Kondition. Das wird aber hĂ€ufig eben nicht getan, sondern sie werden nur sporadisch angewendet. Um die volle Wirkung zu entfalten, mĂŒssen die Athleten diese mentalen Trainingsformen aber in ihren Alltag integrieren. Bei Fortbildungen weise ich immer auf die drei Stellschrauben hin: 1. körperliche Regulierung durch Atmung oder ruhige Bewegungen, 2. psychologische Beruhigung durch Gedankenkontrolle und 3. Visualisierungsprozesse. Die lassen sich aber auch nicht mal eben aus dem Ärmel schĂŒtteln, deshalb bleibt der Kontakt zu psychologischen Betreuern und Experten weiterhin wichtig!

Die Experten der von der VDV mitinitiierten Anlaufstelle MENTAL GESTÄRKT helfen vertraulich bei Fragen zur psychischen Gesundheit und zur Sportpsychologie. 

  • Telefon: 02 21 – 49 82 55 40
  • E-Mail: .-entdtnlsslroskta@aeehgemdek
  • Website: www.mentalgestaerkt.de 

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