Weil bei uns der Spieler als Mensch zählt!
Ansprechstelle Safe Sport
Gewalt im Sport beginnt oft leise
Demütigungen, permanenter Druck und Angst vor Konsequenzen: Viele Grenzüberschreitungen im Sport werden erst im Rückblick als solche erkannt. Ina Lambert von der unabhängigen Ansprechstelle Safe Sport erklärt, warum psychische Gewalt häufig unterschätzt wird, weshalb Betroffene lange zögern, sich zu melden und warum es entscheidend ist, nicht allein zu bleiben.
WIR PROFIS: Frau Lambert, was genau kann die Ansprechstelle Safe Sport leisten – und was nicht?
Ina Lambert: Wir sind eine unabhängige Ansprechstelle für Betroffene interpersoneller Gewalt im Sport, also für Fälle psychischer, physischer oder sexualisierter Gewalt. Wir bieten vertrauliche und kostenlose psychologische und juristische Erst- und Begleitberatung. An uns können sich nicht nur direkt Betroffene wenden, sondern auch Eltern, Unterstützende oder Personen, die etwas beobachtet haben und unsicher sind, wie sie damit umgehen sollen. Wir beraten bundesweit, im Breiten- wie im Spitzensport, sportartübergreifend.
Unsere Grenzen liegen dort, wo es um Interventionen in Klubs oder Verbänden geht. Wir greifen nicht aktiv in Strukturen ein und nehmen auch keinen Kontakt zu Vereinen auf. Wir können Ratsuchende dabei unterstützen, mögliche Schritte zu durchdenken und abzuwägen, handeln müssen die Betroffenen allerdings selbst – wir können sie lediglich im Prozess begleiten. Außerdem ersetzen wir weder eine Psychotherapie noch eine anwaltliche Vertretung.
WIR PROFIS: Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist psychische Gewalt. Wie definieren Sie diesen Begriff im Sportkontext?
Ina Lambert: Eine einheitliche Definition gibt es nicht, aber wir fassen darunter beispielsweise Demütigungen, Bloßstellungen, permanentes Anschreien, Ausgrenzung oder persönliche Abwertung. Wichtig ist die Wirkung: Wenn Verhalten bei Betroffenen eine erhebliche Belastung auslöst, sprechen wir von psychischer Gewalt.
Gerade im Teamsport wird ein rauer Ton manchmal als normalisiert wahrgenommen. Doch auch dort gilt: Persönliche Herabwürdigung oder systematischer Druck sind nicht akzeptabel. Unabhängig davon, wie verbreitet solche Umgangsformen vielleicht sind.
WIR PROFIS: Wann melden sich Betroffene typischerweise bei Ihnen?
Ina Lambert: Häufig erst mit zeitlichem Abstand. Viele Menschen erkennen erst Jahre später, was sie eigentlich erlebt haben. Wenn sie aus dem System heraus sind, mit Abstand zurückblicken und merken: Das war nicht normal und es hat Spuren hinterlassen.
Manche berichten von wiederkehrenden Belastungen, von Triggern oder auch davon, dass sie erst später Zusammenhänge erkennen, etwa zwischen früheren Erfahrungen und heutigen Schwierigkeiten. Solche Prozesse brauchen Zeit. Wenn Sportler und Sportlerinnen noch mitten im System stecken, ist es oft sehr schwer, negative Aspekte klar zu benennen.
WIR PROFIS: Welche Rolle spielen Verletzungen in diesem Zusammenhang?
Ina Lambert: Verletzungen sind selten isoliert das Hauptthema innerhalb unserer Beratungen, aber sie können bestehende Belastungen verstärken oder sichtbar machen. Gerade im Leistungssport ist die gesamte Identität häufig stark an die sportliche Leistung gekoppelt. Wenn eine Verletzung diesen Rahmen infrage stellt, entstehen schnell existenzielle Fragen: Wer bin ich, wenn ich meine Leistung nicht mehr bringen kann? Was ist mein Wert?
Solche Phasen können Krisen auslösen, insbesondere, wenn zusätzlich Druck entsteht, möglichst schnell wieder einsatzfähig zu sein. Das Thema „Druck rausnehmen“ ist daher zentral.
WIR PROFIS: Wie läuft ein Erstkontakt bei Ihnen ab?
Ina Lambert: Es gibt verschiedene Wege. Viele melden sich telefonisch über unsere Hotline, andere nutzen die Online-Beratung. Dort kann jeder anonym bleiben, einen Account mit Nickname anlegen und schriftlich Kontakt aufnehmen. Möglich sind auch Chat-, Video- oder Vor-Ort-Beratungen in Berlin.
Im ersten Schritt geht es immer darum, zu klären: In welcher Rolle meldet sich die Person? Ist sie selbst betroffen, Angehörige oder Beobachterin? Und was ist ihr Anliegen? Wir hören zu, ordnen ein und überlegen gemeinsam mögliche nächste Schritte.
WIR PROFIS: Sie bieten psychologische Beratung an, aber keine Psychotherapie. Wo verläuft die Grenze?
Ina Lambert: Unsere Beratung kann entlastend wirken, indem wir helfen, Erlebtes einzuordnen. Häufig spielen auch Selbstzweifel eine Rolle, etwa die Frage, ob das Erlebte „schlimm genug“ war. In Gesprächen kann sich zeigen, dass eine therapeutische Aufarbeitung sinnvoll wäre.
Wir können keine Therapie vermitteln oder ersetzen, aber wir informieren über Möglichkeiten und bestärken Betroffene darin, sich gegebenenfalls professionelle Unterstützung zu suchen. Viele erleben durch die Beratung bereits einen ersten stabilisierenden Schritt.
WIR PROFIS: Auch juristische Beratung gehört zu Ihrem Angebot. Was können Ratsuchende hier erwarten?
Ina Lambert: In der juristischen Beratung geht es vor allem um Einordnung: Handelt es sich um eine Straftat? Liegt ein Verstoß gegen sportethische Regeln vor? Welche Meldewege gibt es – im Sport oder strafrechtlich? Und was würde eine Anzeige konkret bedeuten?
Wir geben Orientierung, übernehmen aber keine anwaltliche Vertretung.
WIR PROFIS: Wo verlaufen aus Ihrer Sicht rote Linien im Umgang mit verletzten Spielerinnen und Spielern?
Ina Lambert: Der wichtigste Punkt ist: keinen Druck ausüben. Genesung braucht Zeit. Wenn Betroffene zu früh wieder einsteigen oder sich gedrängt fühlen, kann das gesundheitliche und psychische Folgen haben. Druck verschärft Probleme, er löst sie nicht.
WIR PROFIS: Sie haben viele Fälle im Bereich interpersoneller Gewalt begleitet. Wer sind typischerweise die Beschuldigten?
Ina Lambert: In unseren statistischen Auswertungen sind in einem Großteil der Fälle Trainerinnen oder Trainer als Beschuldigte benannt. Das bezieht sich nicht ausschließlich auf Verletzungen, sondern generell auf interpersonelle Gewalt im Sport. Allerdings rate ich hier zur Vorsicht, zu früh zu verurteilen: Manchmal sind auch ganze Strukturen problematisch, nicht nur Einzelpersonen.
WIR PROFIS: Was hindert Betroffene am häufigsten daran, sich zu melden?
Ina Lambert: Die Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Oder auch die Angst vor negativen Konsequenzen, etwa dem Verlust eines Kaderplatzes oder ihrer sportlichen Perspektive. Und diese Angst ist oft realistisch.
Gerade, solange jemand noch Teil des Systems ist, fällt es schwer, sich zu äußern. Deshalb sagen wir: Es muss nicht sofort eine offizielle Meldung sein, jeder kann sich zuerst anonym beraten lassen oder mit einer Vertrauensperson sprechen. Wichtig ist, nicht allein zu bleiben.
WIR PROFIS: Wer kontaktiert Sie neben Betroffenen?
Ina Lambert: Die zweitgrößte Gruppe sind Angehörige, häufig Eltern. Außerdem melden sich Unterstützende oder Personen, die etwas beobachtet haben und unsicher sind, wie sie damit umgehen sollen. Auch Vereinsverantwortliche suchen mitunter Rat, wenn sie mit einem konkreten Fall konfrontiert sind.
WIR PROFIS: Wie stellen Sie Ihre Unabhängigkeit sicher?
Ina Lambert: Wir sind nicht in die Strukturen des organisierten Sports eingebunden. Zwar sind wir vernetzt, etwa mit Landessportbünden, aber wir vertreten ausschließlich die Perspektive der Betroffenen. Wir haben keine Fürsorgepflicht gegenüber Vereinen oder Verbänden. Diese Unabhängigkeit ist zentral für unsere Arbeit.
Unabhängige Ansprechstelle
für Betroffene sexualisierter, psychischer und physischer Gewalt im Sport
Petersburger Str. 94, Eingang B, 10247 Berlin
Telefon: 030 – 220138710
Website: ansprechstelle-safe-sport.de
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