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Schiri-Chef Knut Kircher: 

„Die Spieler mĂŒssen geschĂŒtzt werden!“ 

Knut Kircher begleitet das deutsche Schiedsrichterwesen seit vier Jahrzehnten. Erst auf dem Platz, heute in leitender Funktion bei der DFB Schiri GmbH. Im GesprĂ€ch mit WIR PROFIS erklĂ€rt er, warum gute Schiedsrichterleistungen fĂŒr ihn die eigentliche Grundlage jeder Vertrauensbildung sind, weshalb der VAR wieder stĂ€rker auf klare Fehler fokussiert werden soll und wie ein möglicher Quereinstieg ehemaliger Profis in die Video-Assistenz aussehen könnte.

WIR PROFIS: Herr Kircher, Sie sind seit knapp zwei Jahren GeschĂ€ftsfĂŒhrer Sport und Kommunikation der DFB Schiri GmbH. Was hat Sie an dieser Rolle gereizt und wie haben Sie sich darin eingefunden? 

Knut Kircher: Mich begleitet die Schiedsrichterei in diesem Jahr seit 40 Jahren. Sie war ĂŒber einen großen Teil meines Lebens hinweg prĂ€gend, sowohl national als auch international. Deshalb steckt in dieser Aufgabe natĂŒrlich sehr viel Leidenschaft und Herzblut. Genau das hat mich gereizt: in einer neuen, leitenden Rolle gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen etwas fĂŒr das professionelle Schiedsrichterwesen in Deutschland zu bewegen. Dazu gehört weit mehr als nur der Spielbetrieb am Wochenende. Es geht auch um strategische Fragen: Wie stellen wir uns auf? Wie verbessern wir Kommunikation, Rahmenbedingungen, Ausbildung und Methoden? Wie machen wir unsere Schiedsrichterteams national und international stĂ€rker? Genau diese Mischung macht die Aufgabe fĂŒr mich so spannend. 

WIR PROFIS: Wenn Sie auf die aktuelle Diskussion rund um das Schiedsrichterwesen schauen: Was ist fĂŒr Sie wichtiger, Ausbildung und Performance auf dem Platz oder Kommunikation und Vertrauen nach außen? 

Knut Kircher: FĂŒr uns steht zunĂ€chst die Schiedsrichterleistung im Zentrum. Wenn die Leistungen auf dem Platz durchgehend fehlerfrei wĂ€ren, gĂ€be es in der Kommunikation und Vertrauensbildung deutlich weniger Themen. Deshalb fĂ€ngt alles bei der QualitĂ€t auf dem Platz an. Gleichzeitig entsteht oft ein verzerrtes Bild. Wenn an einem Wochenende zwei Spiele besonders im Fokus stehen, redet fast niemand mehr ĂŒber die anderen 16 Partien in der ersten und zweiten Liga. Dadurch verschiebt sich die Wahrnehmung. Gute oder sehr gute Leistungen werden schnell als selbstverstĂ€ndlich verbucht, Fehler dagegen sofort groß gemacht. 

WIR PROFIS: Insbesondere der Videoassistent steht hĂ€ufig im Fokus – auch noch acht Jahre nach seiner EinfĂŒhrung. Sie haben mit Blick auf den VAR einmal sinngemĂ€ĂŸ gesagt, dass Graubereiche wieder stĂ€rker akzeptiert werden mĂŒssen. Was genau meinten Sie damit? 

Knut Kircher: Wenn wir auf die ursprĂŒngliche Motivation fĂŒr den VAR schauen, dann ging es um klare, offensichtliche Fehlentscheidungen. Also um Situationen, bei denen sofort klar ist: Diese Entscheidung darf so nicht stehen bleiben. Genau dorthin wollen wir wieder stĂ€rker zurĂŒck. In den vergangenen Jahren ist der VAR kleinteiliger geworden. Jetzt verfolgen wir mit Zustimmung der Klubs den Ansatz, die Eingriffsschwelle wieder nach oben zu schieben. Das heißt: weniger Eingriffe bei Szenen, die sich irgendwo in einem Graubereich bewegen. Wenn die eine HĂ€lfte sagt „klarer Strafstoß“ und die andere HĂ€lfte sagt „niemals“, dann ist genau das oft eben kein Fall fĂŒr den VAR. Diese Entwicklung verlangt allerdings von allen Beteiligten, solche Situationen auch auszuhalten. 

WIR PROFIS: VAR-Kritiker bemĂ€ngeln nicht nur eine fehlende klare Linie bei Entscheidungen, sondern auch ein Zerfahren des Spielflusses. WĂŒrden mehr Graubereiche zu weniger Unterbrechungen fĂŒhren? 

Knut Kircher: Das ist auf jeden Fall ein Aspekt. Wenn Szenen klarer und berechenbarer eingeordnet werden, kann es in bestimmten FĂ€llen schneller gehen – oder es gibt eben gar keinen Eingriff mehr. Dann entfĂ€llt diese Zeit komplett. Gleichzeitig darf niemand vergessen: Vor der eigentlichen Strafraumszene lĂ€uft oft noch eine lĂ€ngere Angriffsphase. Vielleicht gab es davor ein Abseits, ein Handspiel oder ein Foul des angreifenden Teams im Mittelfeld. Auch das muss ĂŒberprĂŒft werden. Deshalb entstehen Unterbrechungen nicht immer nur wegen der einen sichtbaren Szene. Trotzdem gab es in dieser Saison auch Situationen, in denen Entscheidungen frĂŒher hĂ€tten getroffen werden mĂŒssen. 

WIR PROFIS: Immer wieder kommt auch die Diskussion um einen grĂ¶ĂŸeren Ermessensspielraum beim Abseits auf – Stichwort „Daylight“-Abseits. Wie stehen Sie zu solchen massiven RegelĂ€nderungen? 

Knut Kircher: GrundsÀtzlich finde ich es sinnvoll, solche Dinge auch praktisch auszuprobieren. Aber selbst bei einer verÀnderten Abseitsregel bleiben Referenzlinien bestehen, sie verschieben sich nur. Dann misst du eben nicht mehr an der bisherigen Stelle, sondern an einer anderen. Das Grundproblem verschwindet dadurch nicht automatisch. 

Es kann schon sein, dass dadurch zunĂ€chst mehr Tore fallen. Aber auch darauf wĂŒrden sich Mannschaften irgendwann wieder einstellen. Die Diskussion selbst wĂŒrde aus meiner Sicht nicht verschwinden. 

WIR PROFIS: Auch bei Foulspielen gibt es regelmĂ€ĂŸig Diskussionen um die VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit zwischen Vergehen und persönlichen Strafen. Welche Kriterien sind fĂŒr Sie entscheidend? 

Knut Kircher: Wir arbeiten, wenn es um grobe Foulspiele geht, im Kern mit drei Kriterien. Erstens: Mit welcher Dynamik geht ein Spieler in den Zweikampf? Zweitens: Ist der Ball in dieser Situation ĂŒberhaupt noch realistisch spielbar? Und drittens: Wie sieht das Trefferbild aus? Gerade das Trefferbild ist fĂŒr Schiedsrichter auf dem Feld oft die grĂ¶ĂŸte Herausforderung. In der Spielgeschwindigkeit und aus einer bestimmten Perspektive ist nicht immer klar zu erkennen, ob ein Spieler mit der offenen Sohle voll trifft oder den Gegner nur leicht mit dem Fuß streift. Genau dort kann der VAR helfen. Gleichzeitig gilt fĂŒr uns sehr klar: Bei gesundheitsgefĂ€hrdenden Attacken geht es nicht um weniger Schutz. Die Spieler mĂŒssen geschĂŒtzt werden! 

WIR PROFIS: Wenn die Eingriffe des VAR reduziert werden, braucht es dann nicht auch Schiedsrichter, die auf dem Feld wieder mutiger und entschlossener entscheiden? 

Knut Kircher: Wir bereiten unsere Schiedsrichter genau darauf vor. Solche Szenen werden geschult, besprochen, eingeordnet und nachbereitet, ĂŒber die ganze Saison hinweg. Dazu kommen Coaches, Playlists mit Spielszenen, EinzelgesprĂ€che und ein System, das nicht nur Fehler protokolliert, sondern Entwicklung ermöglicht. Mir ist wichtig, dass ein Fehler nicht automatisch in eine Art Denkstarre fĂŒhrt. Bundesliga ist Leistungssport, da gibt es Druck. Aber wir wollen den Schiedsrichtern in diesem Druck auch psychologische StabilitĂ€t geben. Das Spiel selbst bringt bereits genug Herausforderungen mit sich. 

WIR PROFIS: Der Kölner Keller zieht zur Saison 2027/2028 nach Frankfurt. Warum? 

Knut Kircher: Aktuell arbeiten wir bereits an der Konzeption und an den Nutzungsmöglichkeiten nach dem Umzug. Der große Vorteil in Frankfurt liegt in den Synergien: Als Tochtergesellschaft der DFB GmbH & Co. KG und der DFL Deutsche Fußball Liga GmbH hat die DFB Schiri GmbH ihren Sitz ebenfalls in Frankfurt, das heißt, dort können wir Ausbildung, Weiterbildung, Kommunikation und Transparenz viel enger zusammendenken. Wir bekommen Möglichkeiten, Dinge zu zeigen, zu simulieren und zu trainieren, auch mit Blick auf die Ausbildung neuer VARs. 

WIR PROFIS: Apropos VAR-Ausbildung: Immer wieder wird die Integration ehemaliger Profis in die Video-Assistenz angeregt und gefordert. Wie könnte so ein Einstieg fĂŒr Ex-Profis realistischerweise aussehen? 

Knut Kircher: ZunĂ€chst einmal braucht es dafĂŒr ĂŒberhaupt das Interesse ehemaliger Profis – und das war bisher eher ĂŒberschaubar. Wer diesen Weg geht, steht mit Namen und Gesicht mitten in einer sehr öffentlichen Diskussion. Das schreckt sicherlich einige ab. Inhaltlich ist der Weg aber klar: Zuerst braucht es Regelkenntnis. Dazu gehören etwa ein schneller Neulingskurs, eine RegelprĂŒfung und ein KonformitĂ€tstest auf Basis von Videoszenen. Danach wĂ€re ein paralleler Weg denkbar: praktische Erfahrungen im Amateurbereich, erste Einblicke in unterschiedliche Rollenprofile und dann schrittweise die HeranfĂŒhrung an die TĂ€tigkeit als VAR. Wichtig ist dabei: Wir wollen aus ehemaligen Profis keine klassischen Feldschiedsrichter machen, sondern ihre Fußballkompetenz mit Regelkenntnis und ProzessverstĂ€ndnis verbinden. Im Video-Assist-Center geht es um ganz andere AblĂ€ufe als auf dem Platz. Deshalb braucht es dafĂŒr eine intensive Begleitung. 

WIR PROFIS: Was könnten Klubs und auch die VDV tun, damit daraus irgendwann ein verlÀsslicheres Modell wird? 

Knut Kircher: Sichtbarkeit und Information wĂ€ren schon ein wichtiger Schritt. Wenn die VDV etwa bei Veranstaltungen oder im VDV-Proficamp Raum dafĂŒr schafft, können wir das Modell vorstellen und Fragen beantworten. Das wĂ€re auf jeden Fall sinnvoll! Gleichzeitig bleibt die Frage, wie ernsthaft jemand diesen Weg wirklich gehen will, gerade wenn das finanzielle Modell deutlich anders aussieht als im aktiven Profifußball. Dazu kommt: Solange jemand noch auf den nĂ€chsten Vertrag hofft, ist es eben kein echter Ex-Profi. FĂŒr diesen Weg braucht es Leute, die sich bewusst auf einen neuen Abschnitt einlassen wollen. 


VDV-Hinweis: Dem Wunsch von Knut Kircher zur Vorstellung einer VAR-Ausbildung fĂŒr ehemalige Profis entsprechen wir natĂŒrlich gerne und haben ihn dazu bereits ins diesjĂ€hrige VDV-Proficamp eingeladen. 

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