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Svend Brodersen

Auf Titeljagd in Fernost 

Vom Nachwuchs des FC St. Pauli bis in die erste Liga Japans: Torhüter Svend Brodersen hat sich bewusst für einen ungewöhnlichen Weg entschieden. Im Gespräch mit WIR PROFIS erzählt der 29-Jährige von seiner Zeit in Hamburg, seiner Teilnahme an den Olympischen Spielen und japanischen Fans, die sich für Abstöße bedanken. 

WIR PROFIS: Svend, deine Profikarriere begann in deiner Heimat Hamburg beim FC St. Pauli. Was war für dich damals der entscheidende Faktor, um den Sprung zu den Profis zu schaffen? 

Svend Brodersen: Ich glaube, wie bei vielen beginnt es mit einem starken Willen. Es reicht nicht, nur den Traum zu haben, Profifußballer zu werden. Du musst auch bereit sein, jeden Tag dafür zu arbeiten. Bei mir kamen viele Dinge zusammen: Im Nachwuchsleistungszentrum wurde ich relativ früh gefördert und als Torwart gesehen, der das Potenzial hat, irgendwann bei den Profis anzukommen. 

Dazu kamen wichtige Menschen auf dem Weg: Torwarttrainer wie Klaus Thomforde oder später Mathias Hain haben mich immer wieder zu den Profis hochgezogen. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich mit 16 oder 17 plötzlich auf der Bank der ersten Mannschaft saß, weil mehrere Torhüter verletzt waren. Solche Momente bleiben natürlich hängen. Insgesamt war es aber ein Prozess und ich habe Schritt für Schritt darauf hingearbeitet. 

WIR PROFIS: Du hast bei St. Pauli zwar nicht dauerhaft gespielt, aber trotzdem viele Eindrücke im Profifußball gesammelt. Wie hast du diese ersten Jahre erlebt? 

Svend Brodersen: Am Anfang ist das natürlich erstmal überwältigend. Nicht unbedingt wegen der Atmosphäre im Stadion, ich war ja schon vorher regelmäßig als Fan dort, sondern eher wegen der Situation in der Kabine. Plötzlich sitzt du neben Spielern, denen du vorher selbst zugejubelt hast. 

Als junger Profi bist du dann erstmal „der Neue“ und musst dir deinen Platz erarbeiten. Ich habe als dritter Torwart angefangen, wurde später Ersatzkeeper und hatte natürlich auch den Anspruch, irgendwann die Nummer eins zu werden. Das hat am Ende nicht geklappt, aber ich habe in dieser Zeit unglaublich viel gelernt. Gerade als Torhüter ist der Konkurrenzkampf besonders schwierig, weil es eben nur eine Position gibt. 

WIR PROFIS: 2021 warst du Teil des deutschen Teams bei den Olympischen Spielen in Tokio. Was hat dir dieses Turnier sportlich und persönlich gegeben? 

Svend Brodersen: Das war eine unglaubliche Erfahrung! Wahrscheinlich sogar das größte Highlight meiner bisherigen Karriere. Wegen der Corona-Pandemie war es natürlich eine besondere Situation: keine Zuschauer, viele Tests, Maskenpflicht und strenge Regeln. 

Trotzdem war es beeindruckend, Teil dieser Veranstaltung zu sein. Du triffst dort nicht nur Fußballer, sondern Sportler aus der ganzen Welt. Wenn du im olympischen Dorf unterwegs bist und plötzlich Athleten begegnest, die gerade eine Goldmedaille gewonnen haben, ist das schon etwas Besonderes. Diese Mischung aus verschiedenen Kulturen und Sportarten hat mich extrem beeindruckt. 

WIR PROFIS: Kurz danach ging es für dich nach Japan. Hing dieser Schritt direkt mit Olympia zusammen? 

Svend Brodersen: Nein, der Wechsel war tatsächlich schon vorher geplant. Ich wusste lange gar nicht, ob ich überhaupt für Olympia nominiert werde. Der erste Kontakt nach Japan kam eher über meinen ehemaligen Mitspieler Ryō Miyaichi zustande, mit dem ich bei St. Pauli mehrere Jahre in der Kabine saß. 

In meinem letzten Vertragsjahr zeichnete sich dann ab, dass ich wahrscheinlich wieder Ersatzkeeper sein würde. Ich war damals 24 und habe mir die Frage gestellt: Bleibe ich hier und akzeptiere diese Rolle oder versuche ich noch einmal etwas Neues? Für mich war klar, dass ich unbedingt spielen wollte. Deshalb habe ich mich nach Möglichkeiten im Ausland umgeschaut. 

WIR PROFIS: Was hat dich besonders an Japan gereizt? 

Svend Brodersen: Der wichtigste Punkt war die sportliche Perspektive: Ich hatte die Chance, als Nummer eins zu spielen und das in der ersten Liga. Das war für mich entscheidend. Dazu kam aber auch der kulturelle Aspekt. Wenn ich schon ins Ausland gehe, wollte ich etwas wirklich Neues erleben. Japan ist kulturell komplett anders als Europa. Und ehrlich gesagt hatte ich schon als Kind eine gewisse Verbindung dazu durch Dinge wie Pokémon, Gameboy oder japanische Filme. Das hat das Ganze natürlich noch spannender gemacht. 

WIR PROFIS: Wie war dein erster Eindruck vom Alltag in Japan? 

Svend Brodersen: Am Anfang fühlt sich das tatsächlich ein bisschen wie ein anderer Planet an. Mein erstes kurioses Erlebnis hatte ich direkt im Hotelrestaurant: Ich bin einfach mit Schuhen in einen Raum gegangen, in dem ich sie eigentlich vorher hätte ausziehen müssen. Das wusste ich natürlich nicht. Dann kam das Frühstück: Reis, Fisch, Suppe – und alles mit Stäbchen. Das war für mich komplett neu. Auch wenn du das erste Mal allein durch die Straßen läufst und überall nur japanische Schriftzeichen siehst, fühlt sich das sehr fremd an. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alles. Heute ist der japanische Alltag für mich völlig normal. 

WIR PROFIS: Du sprichst inzwischen sogar Japanisch. Wie wichtig war das für deine Integration? 

Svend Brodersen: Sehr wichtig. Für den Alltag und den Fußball reicht mein Japanisch mittlerweile völlig aus. Ich kann mich problemlos verständigen und auch Interviews auf Japanisch geben. 

Ich glaube, die Fans schätzen es sehr, wenn ein ausländischer Spieler sich wirklich für die Kultur interessiert und versucht, die Sprache zu lernen. Viele Ausländer bleiben nur ein paar Jahre und sprechen kaum Japanisch. Wenn du dich hingegen bemühst, kommt das hier sehr gut an. 

WIR PROFIS: Wie unterscheidet sich der japanische Fußball vom europäischen? 

Svend Brodersen: Der größte Unterschied ist wahrscheinlich das Tempo und die Körperlichkeit. Als ich nach Japan kam, hatte ich zunächst das Gefühl, dass vieles langsamer und weniger körperbetont ist als in Europa. 

Was hier dagegen schon immer sehr stark war, ist die Technik: Die Spieler sind technisch sehr sauber, bei der Ballbehandlung gibt es kaum große Schwächen. In den letzten Jahren hat sich die Liga aber weiterentwickelt, Pressing und Intensität sind deutlich stärker geworden. 

WIR PROFIS: Und wie erlebst du die Fans? 

Svend Brodersen: Die Atmosphäre ist komplett anders als in Europa: Die Fans sorgen für Stimmung, aber die Rivalität ist nicht so aggressiv. Es geht mehr um das gemeinsame Erlebnis. Einmal habe ich bei einem Auswärtsspiel den Ball zum Abstoß hingelegt, und aus der gegnerischen Kurve rief jemand einfach „Dankeschön“. Da musste ich selbst lachen. Solche Situationen wären in Europa eher ungewöhnlich. Selbst nach Niederlagen bleiben die Fans hier sehr respektvoll. Das nimmt natürlich auch ein Stück weit den Druck aus der Situation. 

WIR PROFIS: Du spielst inzwischen für Kawasaki Frontale, einen der erfolgreichsten Vereine Japans. Was hat dich zu diesem Wechsel bewogen? 

Svend Brodersen: Meine vorherigen Stationen in Japan waren eher kleinere Vereine. Mit Fagiano Okayama ist uns zum Beispiel erstmals der Aufstieg in die erste Liga gelungen, das war eine besondere Erfahrung. 

Kawasaki gehört dagegen zu den Topklubs der Liga. Der Verein hat in den letzten Jahren mehrere Meisterschaften gewonnen. Für mich war das die Chance, noch einmal einen Schritt zu machen und vielleicht auch um Titel zu spielen. Das ist für mich eine neue Situation, weil ich bisher noch nie bei einem Verein gespielt habe, bei dem ein Titel wirklich das Ziel war. 

WIR PROFIS: Bereitest du dich schon auf die Zeit nach deiner Karriere vor? 

Svend Brodersen: Ja, ich stehe kurz vor dem Abschluss meines Psychologiestudiums, das ich per Fernstudium beim VDV-Bildungspartner Euro-FH absolviere. Mir fehlt eigentlich nur noch meine Bachelorarbeit. 

Darüber hinaus könnte ich mir später auch eine Rolle als Verbindung zwischen dem deutschen und dem japanischen Fußball vorstellen. Beide Verbände arbeiten inzwischen enger zusammen, und ich habe durch meine Zeit hier natürlich viele Kontakte aufgebaut. 

Was meinen Lebensmittelpunkt angeht, ist noch alles offen. Ich fühle mich in Japan sehr wohl, aber natürlich habe ich auch Familie und Freunde in Deutschland. Am Ende wird sich zeigen, wohin der Weg führt.

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