Weil bei uns der Spieler als Mensch zählt!
Carlo Sickinger
„Unser Motto: einfach machen!“
Carlo Sickinger ist seit 2022 Teil der SV Elversberg und hat den außergewöhnlichen Weg des Klubs vom Regionalliga-Team bis in die Bundesliga-Relegation miterlebt und mitgestaltet. Im Titelinterview spricht er über Spaß am Fußball, Kontinuität und die Vorteile des Underdog-Denkens.
WIR PROFIS: Carlo, wenn du die vergangenen Jahre mit der SV Elversberg beschreiben müsstest: Wie würdest du diesen Weg zusammenfassen?
Carlo Sickinger: Es wirkt von außen vielleicht wie Wahnsinn, dass so etwas mit einem kleinen Verein funktionieren kann. Aber für uns ist das vor allem das Ergebnis jahrelanger guter Arbeit. Du siehst einfach, dass hier kontinuierlich an einer Idee festgehalten wird. An einer Spielidee, an einer bestimmten Art, Fußball zu spielen. Und vor allem bekommen wir hier auch die Möglichkeit, diese Dinge wirklich umzusetzen. Genau deshalb geht es seit Jahren stetig bergauf und wir haben das Gefühl, dass wir noch lange nicht am Ende angekommen sind.
WIR PROFIS: Viele sprechen beim Durchmarsch der Elversberger von einem Märchen. Du hast gerade schon angedeutet, dass deutlich mehr dahintersteckt. Was macht euren Erfolg aus?
Carlo Sickinger: Für mich ist ein ganz zentraler Punkt der Spaß am Fußball. Das habe ich relativ schnell gemerkt, als ich hierhergekommen bin. Die Freude am Spiel ist groß, weil wir unsere fußballerischen Qualitäten ausleben können. Das sorgt dafür, dass Spieler hier aufblühen. Teilweise auch solche, über die woanders vielleicht gedacht wurde: Was ist los mit dem? Dazu kommt der große Zusammenhalt. Fehler werden verziehen, du darfst Dinge ausprobieren. Unser Motto ist oft: einfach machen! Den Kopf ein Stück weit ausschalten, Inhalte umsetzen. Und wenn mal etwas schiefgeht, dann geht es weiter. Genau diese Freiheit bringt uns seit Jahren diesen Erfolg.
WIR PROFIS: Fehler werden verziehen, es herrscht Ruhe. Ist es das, was das Umfeld in Elversberg so besonders macht?
Carlo Sickinger: Absolut. Das gilt sowohl für den Verein als auch für die Fans. Als ich fest verpflichtet wurde, ist Elversberg gerade in die 3. Liga aufgestiegen. Davor war die Regionalliga lange die Grenze. Jetzt spielen wir schon die dritte Saison in der 2. Bundesliga und zum zweiten Mal oben mit, darauf ist das Umfeld einfach stolz. Während andere Vereine seit Jahren ihren eigenen Erwartungen hinterherlaufen, wird hier genossen, was gemeinsam erreicht wurde. Diese Euphorie und Gelassenheit spürst du im Alltag total. Viele Dinge, die im Leistungssport sonst Druck erzeugen, fallen hier einfach weg.
WIR PROFIS: Du bist seit der Regionalliga-Zeit dabei. Was hat sich mit dem sportlichen Aufstieg verändert?
Carlo Sickinger: Natürlich wachsen die Strukturen. Der Kader wird breiter, die Qualität höher, das gehört zur Entwicklung dazu. Trotzdem haben wir uns dieses Underdog-Denken bewahrt. Wir werden jedes Jahr nach dem Umbruch wieder unten eingeordnet, oft sogar auf den letzten Platz getippt. Und genau das reizt uns. Wir wollen zeigen, dass wir besser sind, dass wir Abgänge kompensieren können und neue Jungs nachkommen, die den Weg weitergehen. Wenn Mannschaften gegen uns gewinnen müssen, dann wird es sehr unangenehm und genau das macht uns aus.

WIR PROFIS: Ihr wart nur zwei Spiele von der Bundesliga entfernt. Wie geht man mit einer solchen Enttäuschung wie dem verpassten Aufstieg um?
Carlo Sickinger: Direkt danach bist du natürlich extrem niedergeschlagen. Diese Relegation war ein Erlebnis, das du eigentlich nicht noch einmal haben willst; vor allem, weil es in der letzten Sekunde entschieden wurde. Am nächsten Tag bist du auf dem Weg in den Urlaub und alles fühlt sich surreal an, wie ein schlechter Traum. Aber durch den Umbruch, durch viele neue Spieler und ein neues Trainerteam war das Thema relativ schnell kein täglicher Begleiter mehr. Als wir zurückkamen, war klar: Neustart. Und das hat uns in der Situation gutgetan.
WIR PROFIS: Was zeichnet euer Trainerteam aus?
Carlo Sickinger: Auch wenn es zur Saison 2025/2026 einen Umbruch auf der Trainerposition gab, lautet die Antwort: Beständigkeit. Trainer bekommen hier Zeit und nutzen sie auch. Das passt zur gesamten Philosophie des Vereins. Egal, welcher Ansatz verfolgt wird: Die Dinge können umgesetzt werden. Man sieht Entwicklung. Aktuell haben wir mit Vincent Wagner einen anderen Schwerpunkt, etwas mehr Ballkontrolle, trotzdem viel Intensität. Aber der gemeinsame Nenner bleibt: Das Umfeld ist darauf ausgelegt, Entwicklung zu ermöglichen und den Leuten die Freiheiten zu geben, die sie brauchen.
WIR PROFIS: Blicken wir auf dich persönlich: Mit welchen Zielen bist du in diese Saison gegangen?
Carlo Sickinger: Nach der vergangenen Saison war mein Anspruch natürlich, noch mehr Spielzeit zu bekommen. Das hat sich bisher nicht ganz so erfüllt, wie ich mir das vorgestellt habe. Wir sind extrem breit und qualitativ stark aufgestellt und erfolgreich. Da muss man sich auch mal hinten anstellen. Aber körperlich fühle ich mich sehr gut und weiß, dass meine Chance kommen kann. Dann gilt es, bereit zu sein.
WIR PROFIS: Du bist seit Jugendjahren VDV-Mitglied. Was hat dich damals zum Eintritt in die Spielergewerkschaft bewogen?
Carlo Sickinger: Ich war lange ohne Berater unterwegs, auch noch in der A-Jugend und im ersten Herrenjahr. Als mein Vertrag in Kaiserslautern auslief, hatten mein Vater und ich wenig Einblick in das Geschäft. Uns war wichtig, einen Ansprechpartner zu haben, gerade bei vertraglichen Fragen. Über die VDV und auch das Proficamp hatten wir das Gefühl, aufgefangen zu werden. Besonders der Kontakt mit Dr. Rybak ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Er hat sich wirklich gekümmert, obwohl es damals um keinen großen Vertrag ging.
WIR PROFIS: Zum Abschluss: Hast du schon einen Plan B für die Zeit nach dem Fußball?
Carlo Sickinger: Gedanken mache ich mir auf jeden Fall. Ich wollte immer Sportwissenschaft studieren. Klar ist für mich: Ich möchte im Sport bleiben. Das erfüllt mich, auch unabhängig vom Fußball. Athletiktraining, Reha-Bereich, Krafttraining, das interessiert mich sehr. Einen hundertprozentig festen Plan habe ich noch nicht. Ich bin offen und lasse mich ein Stück weit davon leiten, wohin mich Studium und Übergangsphase führen.
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