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Gesundheit

Ein Schock, der Leben rettet 

Spätestens seit dem Herzanfall von Christian Eriksen bei der Europameisterschaft im Sommer 2021 wird im Sport verstärkt über den Einsatz von implantierbaren Defibrillatoren (ICD) diskutiert. Im Gespräch mit WIR PROFIS gibt Prof. Dr. Tim Meyer – Vorsitzender der medizinischen Kommission des DFB – dazu Einblicke in die sportmedizinische Praxis. Zudem spricht der ehemalige Arzt der Nationalmannschaft über ethische Dilemmata sowie über die Verantwortung von Spielern und Ärzten. 

WIR PROFIS: Herr Prof. Meyer, wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen einem ICD und einem Herzschrittmacher? 

Tim Meyer: Die Einsatzsituationen sind komplett unterschiedlich: Ein Herzschrittmacher springt ein, wenn das Herz zu langsam schlägt oder sehr lange „Aussetzer“ hat. Ein ICD hingegen reagiert bei sehr schnellen und gefährlichen Herzrhythmen, etwa bei sogenanntem Kammerflimmern. Ganz grob gesagt: Der Schrittmacher hilft bei zu langsamem Herzschlag, der ICD greift ein, wenn das Herz „zu schnell“ ist. Der Schrittmacher kann dauerhaft aktiv sein, zum Beispiel auch in der Nacht. Der ICD hingegen ist ein Gerät, das nur im Ernstfall reagiert. 

WIR PROFIS: Könnte eine Person mit einem Herzschrittmacher Profifußball spielen? 

Tim Meyer: Ganz ausschließen würde ich es nicht, aber es ist schwierig. Es ist technisch nicht einfach, die Schrittmacherfrequenz exakt an die schnell wechselnde körperliche Belastung im Fußball anzupassen. Außerdem sind die typischerweise zugrundeliegenden Rhythmusstörungen bei jungen Sportlern eher selten. Aber medizinisch ausgeschlossen oder gar gefährlich ist es per se nicht. 

WIR PROFIS: Wie sieht es mit einem ICD aus: Welche Herausforderungen gibt es da? 

Tim Meyer: Wenn ein Spieler die ärztliche Freigabe erhält, ist der ICD an sich keine große Einschränkung. Er sollte so implantiert sein, dass Schläge auf das Gerät möglichst unwahrscheinlich sind, aber das ist in der Regel ohnehin der Fall. Wichtig ist eine regelmäßige Kontrolle der Gerätefunktion. Dazu kommt allerdings eine psychische Komponente: Ein Vorfall wie bei Christian Eriksen ist für die betroffene Person nicht selten traumatisch. Selbst wenn er körperlich wieder fit ist, muss der Sportler mental mit der Situation umgehen können; mit dem Wissen, dass das Risiko für einen erneuten Vorfall zumindest etwas höher ist als bei anderen. Natürlich besteht ein gewisses Sicherheitsgefühl durch den ICD, aber der verhindert ja nicht den Vorfall an sich, sondern in der Regel nur die Folgen. 

WIR PROFIS: In Italien ist das Spielen mit einem ICD nicht erlaubt. Wie bewerten Sie solche Pauschalregelungen? 

Tim Meyer: Ganz ehrlich: Ich bin kein großer Fan dieser Regelung. Allein die Tatsache, dass jemand einen ICD trägt, sagt ja nichts Detailliertes über seinen Gesundheitszustand aus. Wenn der untersuchende Kardiologe, idealerweise einer mit sportmedizinischen Kenntnissen, das Risiko für vertretbar hält, der Spieler das Risiko versteht und bereit ist, es einzugehen, sollten wir ihm das nicht grundsätzlich verbieten. 

WIR PROFIS: Wie ist die Rechtslage in Deutschland? 

Tim Meyer: Die Bewertung der Sporttauglichkeit im deutschen Fußball setzt auf individuelle Beurteilungen. In der Bundesliga haben wir rund 500 Spieler, dazu nochmal 500 in der 2. Liga – das lässt sich auf diese Weise handhaben, zumal Fälle mit kritischen Herzerkrankungen zum Glück selten sind. Jeder Spieler wird individuell untersucht. Gibt es Zweifel, wird eine weitergehende kardiologische Abklärung in die Wege geleitet. Am Ende entscheidet der Mannschaftsarzt über die Tauglichkeit, am Spiel- und Trainingsbetrieb teilzunehmen. 

WIR PROFIS: Er trägt also – zusammen mit dem Spieler – die alleinige Verantwortung? 

Tim Meyer: Der Mannschaftsarzt unterschreibt zwar formal die Tauglichkeit, er konsultiert vorher aber die entsprechenden Fachärzte. DFL und DFB, je nach Ligazugehörigkeit, prüfen das Dokument, greifen aber nicht inhaltlich ein. Der Arzt erklärt nicht, dass „nichts passieren wird“, sondern dass der Spieler „leistungssporttauglich“ ist – mit einem gewissen Restrisiko, das nie ganz ausgeschlossen werden kann. 

WIR PROFIS: Welche weiteren Sicherheitsmaßnahmen gelten für ICD-Träger im Spielbetrieb? 

Tim Meyer: Das wichtigste Sicherheitsinstrument ist der ICD selbst. Wenn er richtig funktioniert, unterbricht er gefährliche Rhythmen. Wird das Gerät durch einen Schlag beschädigt, muss der Spieler vorsorglich ausgewechselt werden. Außerdem bekommen Spieler mit Herzkrankheiten zusätzlich Medikamente, um Rhythmusstörungen zu reduzieren, je nach Grunderkrankung. 

WIR PROFIS: Wie schätzen Sie den aktuellen medizinischen Standard in Deutschland ein? 

Tim Meyer: Wir untersuchen sehr, sehr gründlich – teils sogar über das hinaus, was die Fachgesellschaften empfehlen. Insgesamt sind wir in Deutschland hier sehr gut aufgestellt. 

WIR PROFIS: Wie steht es um die Selbstbestimmung der Spieler – könnten diese nicht auch gegen den Rat der Ärzte sagen: „Ich gehe das Risiko bewusst ein“? 

Tim Meyer: Das ist ein spannender Punkt. Aktuell entscheidet formal der Mannschaftsarzt über die Tauglichkeit. Natürlich ist das schwierig, weil für alle Seiten viel Geld auf dem Spiel steht, aber die Debatte ist berechtigt. Letztlich geht es darum, wie viel Risiko man als Liga oder als Gesellschaft für akzeptabel hält. Gerade angesichts der Verdienstmöglichkeiten im Profifußball kann sich hier die Einschätzung von Spieler und medizinischer Betreuung durchaus unterscheiden. In der klinischen Medizin setzt sich zunehmend das sogenannte „shared decision making“ durch. Inwieweit das auf den professionellen Sport anwendbar ist, der auch im Fernsehen live übertragen wird, ist zu diskutieren. Immerhin würden auf dem Bildschirm beobachtete Zwischenfälle in größerer Zahl sicherlich auch das Image des Sports beeinträchtigen. 

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