Weil bei uns der Spieler als Mensch zÀhlt!
Suchtfalle SportwettenÂ
Forscher ĂŒber Risiken und Handlungsbedarf im FuĂballÂ
Sportwettenwerbung ist im FuĂball omniprĂ€sent. Sie erscheint auf Trikots, auf Banden und sogar auf der Website des DFB. Doch fĂŒr viele Fans und auch Spieler ist die Werbung mehr als nur Markenplatzierung â sie ist der Einstieg in eine gefĂ€hrliche Sucht. GlĂŒcksspielforscher Dr. Tobias Hayer beschĂ€ftigt sich seit vielen Jahren mit der Wirkung von GlĂŒckspielwerbung. Im Interview mit WIR PROFIS erklĂ€rt er, warum gerade der Profisport hier besondere Verantwortung zeigen muss.Â
WIR PROFIS: Herr Dr. Hayer, was zeigt die aktuelle Forschung ĂŒber den Zusammenhang zwischen Sportwetten, Werbung und GlĂŒcksspielsucht?Â
Tobias Hayer: Werbung ist ein relevanter Risikofaktor unter vielen. Sie kann zwei Gruppen besonders stark beeinflussen: Einerseits potenzielle Neukunden â da wirken zum Beispiel die klassischen Bonusangebote. Und andererseits sogenannte Vielspielende, zu denen auch bereits sĂŒchtige Menschen zĂ€hlen. Werbung lockt nicht nur, sie verstĂ€rkt auch Suchtverhalten. Insgesamt ist festzuhalten: Je mehr Werbung wahrgenommen wird, desto höher fĂ€llt die GlĂŒcksspielbeteiligung aus, was wiederum zu einem gröĂeren Risiko von glĂŒcksspielbedingten SchĂ€den fĂŒhrt.Â
WIR PROFIS: Ist es dann nicht hochgradig unmoralisch, gerade diese zweite Gruppe der bereits sĂŒchtigen Menschen gezielt, wie man heute sagt, zu âtriggernâ?Â
Tobias Hayer: Absolut! Bei anderen Produkten wie Alkohol oder Tabak hat man politisch und gesellschaftlich lĂ€ngst Konsequenzen gezogen und Werbung stark eingeschrĂ€nkt. Viele europĂ€ische LĂ€nder haben auch im Bereich GlĂŒcksspiel bereits strengere Regeln eingefĂŒhrt, nur in Deutschland lĂ€sst sich weiterhin ein aggressives Marketing fĂŒr Sportwetten beobachten. Das ist ein Sonderweg, den ich fĂŒr falsch halte.Â
WIR PROFIS: Besonders auffĂ€llig ist, dass der DFB selbst mit einem Wettanbieter zusammenarbeitet. Was macht das mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung?Â
Tobias Hayer: Die Kooperationen zwischen VerbĂ€nden und Wettanbietern sind problematisch. Werbung formt Einstellungen, sie stellt Sportwetten als spannend, erfolgreich, harmlos dar. Risiken? Werden kaum erwĂ€hnt. Besonders gefĂ€hrlich ist das fĂŒr MinderjĂ€hrige. Als ich letztens mit meiner zehnjĂ€hrigen Tochter die Bundesliga-Konferenz geguckt habe, gab es ĂŒber zehn Werbeeinblendungen von Wettanbietern. Und die Kinder bekommen das unreguliert prĂ€sentiert. Hier werden soziale Normen gesetzt, die ich als problematisch erachte.Â
WIR PROFIS: Sie sprechen auch von RĂŒckfallrisiken durch Werbung. Können Sie das nĂ€her erlĂ€utern?Â
Tobias Hayer: Menschen, die ihre GlĂŒcksspielsucht ĂŒberwunden haben, wollen oft weiterhin FuĂball schauen. Doch sie werden dabei unweigerlich mit Werbung konfrontiert. Jeder Spot kann ein sogenannter Trigger sein, der das Verlangen nach GlĂŒcksspielen erneut auslöst.Â
WIR PROFIS: Gibt es bestimmte Gruppen, die besonders gefĂ€hrdet sind?Â
Tobias Hayer: Wir sehen ĂŒberdurchschnittlich viele junge MĂ€nner mit Migrationshintergrund unter den Betroffenen. Neu ist: Auch Vereinsmitglieder, egal ob Profi oder Amateur, sowie Fans zĂ€hlen zu den Risikogruppen. Das liegt daran, dass Sportwetten durch die AllgegenwĂ€rtigkeit im FuĂball als ânormalâ wahrgenommen werden.Â
WIR PROFIS: Was braucht es aus Ihrer Sicht fĂŒr besseren Betroffenenschutz?Â
Tobias Hayer: Drei Dinge: Erstens strengere WerbebeschrĂ€nkungen. Zweitens eine rĂ€umliche Begrenzung von WettbĂŒros, gerade im Umfeld von Stadien. Und drittens: flĂ€chendeckende, anbieterunabhĂ€ngige PrĂ€vention in Schulen und Vereinen.Â
WIR PROFIS: Wie schĂ€tzen Sie die Wirkung digitaler Plattformen ein?Â
Tobias Hayer: Online-Wetten sind besonders gefĂ€hrlich: 24/7 verfĂŒgbar, anonym und mit bargeldlosem Zahlungsverkehr bedienbar. Hinzu kommen die sozialen Medien: Dort promoten Influencer Wetten oder posten die vermeintlich lukrativsten Wettoptionen. Gerade bei jungen Menschen wirkt das stĂ€rker als klassische Werbung.Â
WIR PROFIS: Gibt es gesetzliche LĂŒcken?Â
Tobias Hayer: Ja, etwa im Amateursport. In Deutschland ist das Wetten auf Amateurspiele verboten, aber auf Seiten im Ausland ohne nationale Erlaubnis geht das problemlos. Das setzt Spieler unter Druck, erhöht das Manipulationsrisiko und beschĂ€digt das Vertrauen in den Sport.Â
WIR PROFIS: Welche Anlaufstellen gibt es fĂŒr Betroffene?Â
Tobias Hayer: Es gibt ein gut ausgebautes Hilfesystem, in erster Linie: ambulante Suchtberatungen, Kliniken, Hotlines, Onlinehilfe und Selbsthilfegruppen. Wichtig ist: GlĂŒcksspielsucht ist eine Krankheit, keine CharakterschwĂ€che. Je frĂŒher man sich Hilfe sucht, desto besser die Chancen auf einen Ausstieg.Â
Ăhnliche Artikel:
Donnerstag, 11. Dezember 2025 Die neue Ausgabe von WIR PROFIS ist da!
Mittwoch, 15. Oktober 2025 Gemeinsam zu neuen JobsÂ
Mittwoch, 24. September 2025 GlĂŒcksspielsucht: VDV fordert Umdenken des DFB
Donnerstag, 13. MĂ€rz 2025 Der (Alb-)Traum vom FliegenÂ