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Trotz Sprachbarriere und zu kleiner Schuhe: 

„Deutschland ist eine schöne Heimat“ 

Alexandre da Silva, besser bekannt als „Chiquinho“, kam vor fast 30 Jahren aus Brasilien nach Deutschland, um seinen Traum vom Profifußball in Europa zu erfĂŒllen und seine Familie in der Heimat zu unterstĂŒtzen. Heute ist er VDV-VizeprĂ€sident und möchte seine vielfĂ€ltigen Erfahrungen an junge Profis weitergeben. 

WIR PROFIS: Im Alter von 23 Jahren bist du 1997 aus Brasilien nach Deutschland zu Borussia Mönchengladbach gewechselt. Wie war die Umstellung fĂŒr dich? 

Chiquinho: Anfangs war mir in Deutschland alles eher fremd. In den ersten Monaten hatte ich oft Heimweh und wollte einfach nur nach Hause. HĂ€ufig wird ĂŒbersehen, unter welchem immensen Druck auslĂ€ndische Spieler stehen, gerade wenn sie, wie ich, aus Ă€rmeren VerhĂ€ltnissen stammen. Du willst unbedingt den Durchbruch schaffen, um deiner Familie zu helfen, aber es kommt dir so vor, als seiest du in einer komplett anderen Welt wachgeworden. Du bist weit weg von deiner Familie, weg aus dem gewohnten Umfeld und dann gibt es noch die sprachlichen Herausforderungen: Ich konnte weder Deutsch sprechen noch verstehen. 

WIR PROFIS: ZunĂ€chst war geplant, dass du zu Borussia Dortmund wechselst. Chiquinho: Ja, der BVB wollte mich fĂŒr ein Jahr ausleihen. Ich bin sogar ins Trainingslager gereist und war auch schon mit auf dem Mannschaftsfoto. Dortmund war gut auf auslĂ€ndische Spieler eingestellt – JĂșlio CĂ©sar und Paulo Sousa waren bereits in Dortmund etabliert und sprachen beide Portugiesisch. Eigentlich war alles vorbereitet: Ich hatte einen Dolmetscher, eine private Sprachschule 
 

WIR PROFIS: Aber dann wurde es doch die andere Borussia. 

Chiquinho: Genau, in einer Hauruckaktion erfolgte im Sommer nach dem Trainingslager mit dem BVB der Transfer zu Borussia Mönchengladbach. Dort war es anders, schwieriger. Ich war der erste brasilianische Spieler ĂŒberhaupt in der Geschichte von Mönchengladbach. Es gab im Team mit Andrzej Juskowiak zwar auch jemanden, der gut Portugiesisch sprach, er verließ den Klub aber schon sechs Monate spĂ€ter. Da wurde es hart fĂŒr mich: Neben den sprachlichen Herausforderungen musste ich die ersten Wochen tĂ€glich zu Fuß zum Bökelberg zum Training laufen, weil ich noch kein Auto hatte. Als Profi war das schon eher ungewöhnlich, aber es gibt Zeiten, da beißt man sich durch. Ich wusste, dass der Dreijahresvertrag in Gladbach die sicherere Variante war und meiner Familie in Brasilien ein anderes Leben ermöglichen wĂŒrde. 

WIR PROFIS: Das im Herbst und Winter eher ungemĂŒtliche deutsche Wetter wird die Herausforderung nicht leichter gemacht haben, oder? 

Chiquinho: Mein Körper hat sehr unter dem ungewohnten Klima gelitten. Die KĂ€lte und NĂ€sse, daran musste ich mich erst einmal gewöhnen. Aber dass ich die Sprache nicht konnte, war schlimmer. Das hat teilweise wirklich zu skurrilen Situationen gefĂŒhrt. 

WIR PROFIS: Zum Beispiel? 

Chiquinho: Als ich in Mönchengladbach vorgestellt wurde, hat man mir zu kleine Schuhe gegeben. Ich wollte protestieren, aber niemand hat verstanden, was ich sagen wollte. Also bin ich tatsĂ€chlich mit den zu kleinen Schuhen raus ins Stadion und war froh, als ich sie wieder ausziehen konnte. SpĂ€ter hatte ich eine Leistenverletzung, mit der ich wochenlang unter Medikamenten und Spritzen trainierte und spielte. Erst mit Rainer Bonhof kam jemand, der verstanden hatte, was ich fĂŒr Probleme hatte, da wir Spanisch miteinander sprechen konnten. Ich wurde sofort operiert und erfolgreich behandelt. Auch die Kommunikation mit den Mitspielern, Trainern und meinem sozialen Umfeld war unter diesen Bedingungen natĂŒrlich schwierig. FĂŒr einen Brasilianer war der Fußball in der Bundesliga zudem ungewohnt hart und körperbetont. Kulturell war es ein komplett anderes Leben als in Brasilien und vieles, was in Brasilien normal war, war es hier einfach nicht. Von den ganzen rechtlichen und steuerlichen Angelegenheiten möchte ich gar nicht erst anfangen. 

WIR PROFIS: Wer hat dich in dieser Zeit unterstĂŒtzt? 

Chiquinho: Allen voran die Mannschaft, insbesondere Leute wie Stefan Effenberg, Kalle Pflipsen, Uwe Kamps oder Peter Wynhoff haben mir zu Beginn viel StabilitĂ€t und Motivation gegeben – sowohl auf als auch neben dem Platz. Auch zu Rolf RĂŒssmann und Rainer Bonhof hatte ich ein starkes VertrauensverhĂ€ltnis. In der RĂŒckschau gab es viele Personen, die mich menschlich unterstĂŒtzt haben. Das fing bei der Familie des Platzwartes Achim Stude an und zog sich durch den ganzen Verein. Ich bin mit viel Freundlichkeit und WĂ€rme in Gladbach aufgenommen worden. 

WIR PROFIS: Was fĂŒr RatschlĂ€ge und Tipps kannst du aus heutiger Sicht jungen Spielern aus dem Ausland geben, die nach Deutschland kommen? 

Chiquinho: ZunĂ€chst einmal ist es wichtig, schnell die Sprache zu lernen, um sich zu integrieren und richtig ankommen zu können – sowohl kulturell als auch sportlich. AuslĂ€ndische Spieler sollten nicht nur den sozialen Kontakt zu Landsleuten suchen, sondern Deutschland als Wahlheimat annehmen. Wenn es, gerade zu Beginn, sportlich noch nicht so lĂ€uft, es ist wichtig, dranzubleiben und nicht gleich aufzugeben. Der deutsche Fußball und seine Fankultur sind intensiv und ich mochte immer die NĂ€he zu den Menschen. Wenn du offen bist und dich auf das Abenteuer einlĂ€sst, dann wirst du mit viel WertschĂ€tzung belohnt. Aber was ich auch schnell gelernt habe, sind deutsche Tugenden wie PĂŒnktlichkeit, ZuverlĂ€ssigkeit, Ausdauer und Fleiß. Ich war nie ein Brasilianer, der zu spĂ€t aus der Sommer- oder Winterpause zurĂŒckgekehrt ist. 

WIR PROFIS: WĂ€hrend deiner gesamten Profizeit warst du mit der VDV in engem Austausch – heute bist du sogar VizeprĂ€sident. Warum ist dir die Spielergewerkschaft so wichtig? 

Chiquinho: Schon als Aktiver fand ich es extrem wichtig, etwas zu bewegen und meine Interessen als Spieler zu vertreten. Außerdem habe ich bei der VDV immer UnterstĂŒtzung zu wichtigen Themen (beispielsweise in Rechtsfragen oder bei Steuern) und Zugriff auf ein großes Netzwerk rund um den Fußball erhalten. Ich habe aber auch gelernt, was nach der Karriere zu tun ist. Die VDV ist breit aufgestellt und hat viel zu bieten, nicht zuletzt auch das VDV-Proficamp. Nach der aktiven Zeit war es auch immer wieder ein schönes Netzwerktreffen, um sich auf dem aktuellen Stand zu halten und alte WeggefĂ€hrten zu treffen. Heute möchte ich gerne meine Erfahrungen an junge Spieler weitergeben und natĂŒrlich fĂŒr faire Arbeitsbedingungen, Integration und einfach auch fĂŒr viele auslĂ€ndische Spieler einstehen. Aber auch den Spielern an meinem Beispiel zeigen, dass Deutschland eine schöne Heimat ist – auch nach der Fußballkarriere. 

WIR PROFIS: Welche Hilfestellungen kann die VDV Spielern aus dem Ausland geben? 

Chiquinho: Die VDV kann meiner Meinung nach allen Vertragsspielern Hilfestellungen geben, da sie in besonderen Situationen ansprechbar ist, UnterstĂŒtzung und Hilfe in vielen Themen bietet und man sich einfach gut vernetzt. Aber fĂŒr Spieler aus dem Ausland, die vielleicht in rechtlichen Fragen unsicher sind, kann sie besonders wertvoll sein. Hier gibt es nicht nur einen direkten Draht zu den Experten der VDV, sondern auch den sozialen Aspekt; also den Austausch mit anderen Spielern, die vielleicht Ă€hnliche Erfahrungen gemacht haben. Der Appell lautet also ganz klar: VDV-Mitglied werden und gemeinsam Einfluss auf die Fußballwelt nehmen! 

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