Weil bei uns der Spieler als Mensch zählt!
Stressige Mehrfachbelastung
Studie zur Vereinbarkeit von Fußball und Beruf im Frauenfußball
Spielerinnen der Frauen-Bundesliga, die nebenbei noch einem Vollzeitjob nachgehen, sind besonders gefordert. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit an der Hochschule für Gesundheit in Bochum untersuchte Kerstin Neumann die psychischen Auswirkungen dieser Mehrfachbelastung. Unterstützt wurde sie dabei von der VDV und der sportpsychologischen Initiative MENTAL GESTÄRKT der Deutschen Sporthochschule Köln. WIR PROFIS sprach mit Kerstin, die selbst drei Jahre lang für die VDV als Teambetreuerin im Frauenfußball unterwegs war, über ihre Studienergebnisse und ihre Handlungsempfehlungen.
WIR PROFIS: Kerstin, schön dich wieder zu sprechen! Erzähl uns bitte von deiner Bachelorarbeit und wie dein Forschungsschwerpunkt zustande kam.
Kerstin Neumann: Mein Interesse an der mentalen Gesundheit von Fußballerinnen war aufgrund meiner Arbeit für die VDV bereits sehr groß. Ich habe ja immer hautnah mitbekommen, wie es bei den Klubs zugeht. Vor allem auch bei denen, die vielleicht noch nicht so professionell aufgestellt sind wie die Top vier der Bundesliga. Da wird nebenbei halt in vielen Fällen noch gearbeitet, studiert oder sogar zur Schule gegangen. Mich hat einfach interessiert, wie hoch die Anzahl der Spielerinnen, die einer weiteren Beschäftigung nachgehen, tatsächlich ist und in welcher Form sie das beeinträchtigt und vielleicht belastet. Der vollständige Titel meiner Bachelorarbeit lautete „Mehrfachbelastung und psychische Anforderungen von professionellen Fußballspielerinnen“.
WIR PROFIS: Wie genau wurde die Studie durchgeführt?
Kerstin Neumann: Es wurde ein vierteiliger Fragebogen an alle Spielerinnen der Frauen-Bundesliga geschickt. Darin wurden zum einen demografische Informationen abgefragt, zum anderen aber auch Fragen zur emotionalen Verfassung gestellt; beispielsweise nach dem individuellen Umgang mit Stresssituationen oder danach, wie leistungsfähig sich eine Spielerin in den letzten Tagen und Nächten gefühlt hat. Um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten, wurden hierbei keine Freitextantworten, sondern nur Ankreuzmöglichkeiten zugelassen.
WIR PROFIS: Wie fiel die Rückmeldung aus? Wie viele Spielerinnen haben sich an der Studie beteiligt?
Kerstin Neumann: Es haben sich acht der zwölf Klubs beteiligt, allerdings haben nicht alle Spielerinnen den Fragebogen ausgefüllt. Oder besser gesagt: vollständig ausgefüllt, denn alles, was angefangen aber nicht beendet wurde, konnte ich aus empirischen Gründen nicht berücksichtigen – ansonsten hätte die Gefahr von Verzerrungen und Fehlschlüssen in der Analyse bestanden. Unterm Strich standen am Ende die verwertbaren Daten von 56 Spielerinnen, was eine gute Grundlage für die Überprüfung meiner Hypothesen darstellte.
WIR PROFIS: Lass uns zunächst über die Punkte in deiner Arbeit sprechen, die Auskunft über die Professionalisierung des Frauenfußballs geben – wie viele Spielerinnen können tatsächlich vom Fußball leben?
Kerstin Neumann: Die Tendenz geht offenbar dahin, dass tatsächlich mehr und mehr Spielerinnen mit Fußball ihren Lebensunterhalt bestreiten können: Von meinen Probandinnen sind es immerhin 62,5 Prozent, die ihre Lebenshaltungskosten mit dem Gehalt, das sie von ihren Klubs bekommen, decken. 35 der Spielerinnen beziehen sogar 76 bis 100 Prozent ihres gesamten Einkommens aus der Tätigkeit des Leistungssports. Diese Zahlen weisen darauf hin, dass eine professionelle Vollzeitbeschäftigung auf jeden Fall möglich ist. Wobei es da zwischen den Klubs natürlich eine recht große Spanne gibt, was das genau in Nettogehalt bedeutet: Klubs wie Bayern, Wolfsburg oder Frankfurt haben in der Vergangenheit schon sehr professionelle Strukturen im Bereich Frauenfußball aufgebaut und dementsprechend ganz andere Möglichkeiten. Bei Klubs wie Carl Zeiss Jena, die in der letzten Saison aufgestiegen sind, oder dem MSV Duisburg, die im vergangenen Jahr den Spielbetrieb der Frauen-Mannschaft aus finanziellen Gründen zurückgezogen haben, sieht das natürlich ganz anders aus.
WIR PROFIS: Welche Ergebnisse liefert die Studie hinsichtlich der (Mehrfach-)Beschäftigungen der Spielerinnen?
Kerstin Neumann: Mehr als die Hälfte der befragten Spielerinnen – 33 an der Zahl – gehen neben dem Fußball einer Erwerbstätigkeit nach oder studieren. Nicht nur, weil sie bei ihrem Klub nichts oder zu wenig verdienen, sondern auch weil ihnen bewusst ist, dass das Geld, was sie jetzt gerade verdienen, nicht bis ans Lebensende reichen wird. Damit opfern die Spielerinnen einen Großteil ihrer freien Zeit, denn 87,5 Prozent von ihnen sind an sechs von sieben Tagen in der Woche als Fußballspielerin gefordert.
WIR PROFIS: Nun zum Aspekt der psychischen Belastung: Wie ausgeprägt ist diese bei den Spielerinnen und in welchem Verhältnis steht sie zur finanziellen Situation?
Kerstin Neumann: Rund ein Drittel der Befragten fühlt sich häufig durch die Doppelbelastung aus Erwerbstätigkeit oder Studium und Leistungssport gestresst. Knapp 60 Prozent davon empfinden Stress aufgrund fehlender Zeit für Familie und Freunde, während 53,8 Prozent gestresst sind, weil sie keine Zeit zum Abschalten und Erholen finden. Zwar deuten die Studienergebnisse darauf hin, dass der Unterschied in der emotionalen Belastung von erwerbstätigen oder studierenden Profis und Spielerinnen, die keiner zusätzlichen Tätigkeit nachgehen, nicht sehr groß ist. Klar ist aber, dass eine erhöhte emotionale Belastung sowie soziale Probleme einen negativen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit der Spielerinnen haben.
WIR PROFIS: Welche Schlüsse und Handlungsempfehlungen ziehst du aus den Ergebnissen deiner Studie?
Kerstin Neumann: Eine pauschale Empfehlung lautet auf jeden Fall, dass die Professionalisierung im Bereich Frauenfußball weiter vorangetrieben werden muss, insbesondere was die finanziellen Strukturen angeht. Da sind wir aber, denke ich, schon auf einem ganz guten Weg. Handlungsbedarf besteht meiner Meinung nach insbesondere auch beim Thema Work-Life-Balance, die natürlich zu großen Teilen mit der finanziellen Situation der Spielerinnen verknüpft ist. Aber gerade im Bereich der psychologischen Unterstützung können die Klubs sicher mehr Angebote bereitstellen als es momentan der Fall ist. Am Ende bin ich überzeugt, dass eine Verbesserung der finanziellen und zwischenmenschlichen Situation der Spielerinnen sich für die Klubs in sportlichem Erfolg auszahlen würde. Denn: Diejenigen, die sich primär auf Fußball konzentrieren und voll reinhängen können, sind natürlich leistungsfähiger als die, die tagsüber arbeiten gehen, dann um 18 Uhr trainieren, vielleicht erst um 22 Uhr zuhause sind und am nächsten Tag wieder um 6 Uhr aufstehen müssen. Anders ausgedrückt: Das finanzielle Gefälle zwischen den Klubs in der Frauen-Bundesliga geht auch einher mit den Möglichkeiten der Spielerinnen zu sinnvollem Belastungsmanagement.
Ähnliche Artikel:
Dienstag, 13. Mai 2025 Zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Freitag, 16. August 2024 „Über 1.500 Verletzungen und Erkrankungen wurden bezüglich einer Präventionsmöglichkeit schon untersucht“
Dienstag, 21. Mai 2024 Prävention wird verbessert
Montag, 20. März 2023 Rechte von Fußballerinnen als Mütter
