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Interviews als Chance sehen
Mediencoach Holger Schmidt gibt Tipps im Umgang mit Medienvertretern
Als ehemals führender Redakteur namhafter Agenturen wie dem SID oder der dpa verfügt Holger Schmidt über jahrzehntelange Erfahrung in der deutschen Medienwelt. Seinen Wissensschatz teilt er mittlerweile als Medien- und Kommunikationsberater mit Trainern und Managern, aber auch mit Spielern, Klubs und Vermittlern. Im Interview mit WIR PROFIS erklärt Holger, warum Profis nicht nur ihren Einsatz auf dem Platz, sondern auch den vor dem Mikrofon trainieren sollten.
WIR PROFIS: Warum ist es für Profis wichtig, den richtigen Umgang mit Medienvertretern zu trainieren?
Holger Schmidt: Der öffentliche Auftritt ist immer die Visitenkarte nach außen. Zu Fans, Sponsoren und Vertretern anderer Vereine. Leider ist in den vergangenen Jahren eine Angst vor Shitstorms und dadurch eine übergroße Vorsicht entstanden. Deshalb sind viele dazu übergegangen, in Interviews inhaltlich gar nichts mehr zu sagen. Das ist aber kontraproduktiv. Beim Beobachter oder Zuhörer entsteht der Eindruck: Da ist jemand, der nichts Interessantes zu erzählen hat, und das Interview möglichst schnell hinter sich bringen will. Hin und wieder hilft eine Floskel, um Situationen zu bewältigen, in denen man nicht gewinnen kann. Aber in diesem Ausmaß mit oftmals bloßen Aneinanderreihungen von Floskeln ist es absurd geworden. Und lässt niemanden gut aussehen. Dabei reichen manchmal schon kleine Veränderungen. Insgesamt sollte man Interviews aber nicht als lästige Pflicht ansehen, sondern als Chance.
WIR PROFIS: Welche Chancen können das sein?
Holger Schmidt: Zum einen ist es doch toll, wenn sich die Medien und damit die Fans für einen interessieren. Zum andern sind Interviews immer eine Möglichkeit, eigene Sichtweisen darzustellen. Sofern es keine hitzige Aktion in der 97. Minute war, empfehle ich zum Beispiel, sich nach unglücklichen Ereignissen wie Fehlern oder Platzverweisen immer zu stellen. Eine Verweigerung verhindert keine Berichterstattung. Aber wenn ich mich nicht äußere, übergebe ich mich komplett dem Urteil der Journalisten. Stelle ich meine Sicht der Dinge dar, kann ich Einfluss nehmen, wie die Berichterstattung sich gestaltet.
WIR PROFIS: Worum geht es beim Medientraining konkret? Worauf sollten die Profis aus deiner Sicht in Interviews besonders achten?
Holger Schmidt: Es geht dabei zum einen um die inhaltliche Komponente, aber natürlich auch viel um Körpersprache, Gestik und Mimik. Ein vermeintlich banaler Klassiker in dieser Hinsicht ist zum Beispiel, dass ein Spieler nickt, weil er dem Gegenüber signalisieren will: Ich habe die Frage verstanden. Der Interviewer und auch der Zuschauer interpretieren das aber als Zustimmung zu einer geäußerten These. Ich hatte zum Beispiel mal den Fall, dass eine Interviewfrage mit dem Satz „Man sagt Ihnen ja ein sehr schlechtes Verhältnis zum Trainer nach …“ eingeleitet wurde und der Spieler dabei genickt hat. Er wollte damit ausdrücken: Ja, das Gerücht habe ich auch gehört. Die Botschaft, die angekommen ist, lautete aber: Ja, das Verhältnis ist wirklich schlecht. Eine andere Sache, die ich Spielern abzutrainieren versuche, sind Lieblingswörter.
WIR PROFIS: Lieblingswörter?
Holger Schmidt: Ja, übermäßig oft genutzte Begriffe und Phrasen. Ich habe mal jemanden geschult, der in einem Interview schätzungsweise 20-mal „am Ende des Tages“ gesagt hat. Ihm war diese Häufigkeit vorher gar nicht bewusst, da er meist nur kurze Feldinterviews gegeben hat. Wenn es dann aber zu Gesprächen kommt, die eine halbe Stunde oder länger dauern – etwa im TV, in einem Podcast oder bei einer Veranstaltung – dann fällt es massiv auf und wird zum Problem.
WIR PROFIS: Wie können Spieler die inhaltliche Komponente eines Interviews trainieren, wo sie doch nicht wissen, welche Fragen sie gestellt bekommen?
Holger Schmidt: Das kann man mit Medienerfahrung schon sehr gut antizipieren. Ich spreche immer von dreifacher Vorbereitung auf ein Interview: Inhaltlich, mental und bei der Frage, mit wem ich es zu tun habe. Und wenn ich gut vorbereitet bin, kann ich auch lockerer sein. Richtig wichtig sind am Ende auch fast nur die oberen und die unteren zehn Prozent eines Interviews. Die oberen zehn Prozent sind quasi der Teil, in dem ich überschriftsreife Aussagen platzieren und Botschaften setzen kann. Die unteren zehn Prozent sind die Fallen und Fettnäpfchen, die ich unbedingt umgehen sollte. In den 80 Prozent, die dazwischen liegen, geht es in der Regel eher um Authentizität und Körpersprache als wirklich um konkrete Inhalte. Sich dessen bewusst zu sein und ein Gefühl für die unterschiedlichen Bereiche eines Interviews zu entwickeln, kann für die Spieler enorm wertvoll sein. Es vermittelt das Gefühl: Mir kann eigentlich nichts passieren. Und dann kann man auch agieren, statt nur zu reagieren. Selbst das Heft in die Hand nehmen, Akzente setzen, vor die Welle kommen, wie man so schön sagt. Antwortet man ständig nur auf Fragen, ist man in der Verteidigungsrolle. Das ist oft keine angenehme Situation. Man kann auch lernen, mit dieser umzugehen. Aber besser ist es natürlich, gar nicht erst hineinzugeraten.
WIR PROFIS: Sollte ausnahmslos jeder Profi den Umgang mit Medienvertretern trainieren oder nur diejenigen, die sich unsicher fühlen?
Holger Schmidt: Ich bin sicher, dass sich jeder damit auseinandersetzen sollte. Heutzutage ist man im Profifußball in nahezu allen Bereichen perfekt betreut und vorbereitet. Es gibt Mentalcoaches, Athletikcoaches, Ernährungs- und Schlafcoaches und was weiß ich nicht alles. Auf den Gegner bereitet man sich sowieso akribisch vor, weiß genau, in welcher Situation der Gegenspieler den linken und wann den rechten Fuß nutzt. Dadurch entstehen Automatismen, die einen als Fußballer kompletter werden lassen – und genau so ist es mit dem Medientraining auch. Man verbessert sich – eigentlich wie beim Erlernen des Fußballspiels als solches auch – durch das Zusammenspiel dreier Faktoren. Zum einen durch fachliche Anleitung. Zum zweiten auf Grundlage dieses Wissens durch Reflexion bezüglich des eigenen Auftretens, aber auch durch Analyse anderer als gutes und schlechtes Vorbild. Und zum dritten einfach durch Erfahrung und Übung. Natürlich gibt es Naturtalente. Aber auch die werden irgendwann ins Straucheln geraten, wenn die Basis fehlt. Begibt man sich ohne jede Vorbereitung in eine solche Situation, ist es vergleichbar mit jemandem, der ohne spielerische oder athletische Grundlage auf den Platz geht und erst mal einen Fallrückzieher macht. Das kann gutgehen, auch mehrmals. Doch irgendwann kommt er unglücklich auf und bricht sich den Arm. Manche haben mir gesagt, sie bräuchten kein Coaching – ihr Berater würde ihnen schon sagen, ob ein Interview gut oder schlecht war. Bei allem Respekt: Ein Berater hat sicher auch Erfahrung im Umgang mit Medien, besitzt in der Regel aber keine mediale Kompetenz im klassischen Sinne. Ist er ein Anwalt, ist das im Grunde so, als würde ich mich in einen Gerichtssaal setzen und am Ende bewerten, wer wen gut verteidigt hat.
WIR PROFIS: Ab welchem Alter sollten Spieler Medientrainings absolvieren?
Holger Schmidt: Ich würde bereits in den höheren U-Mannschaften damit beginnen. Es kann immer sein, dass jemand superschnell den Durchbruch schafft und dann plötzlich im Rampenlicht steht. Oder dass sich jemand bei den Profis verletzt und dann ein Spieler aus der Jugend reinrutscht und sich festspielt. Und ist man erst mal im Rampenlicht angekommen, wird es schwierig, Grundlagen zu legen. Zumal dann viele andere Dinge auf einen einstürzen und man genau in solchen Phasen keine anderen Baustellen gebrauchen kann. Und scheitern dann gleich die ersten Interviews, können Videos entstehen, die einen die gesamte Karriere über verfolgen. Das schürt wiederum eine eigentlich unnötige Angst und so kommt man in einen Teufelskreis. Viele Klubs versuchen, junge Spieler zu Beginn komplett abzuschirmen und erst einmal keine Interviews zuzulassen. Das ist auch okay – besser finde ich es aber, wenn jemand von Beginn an an seinem öffentlichen Auftreten arbeitet und dann später nicht überrollt wird, wenn er erstmals vors Mikro tritt. Man kann solchen Dingen auch eine Weile aus dem Weg gehen, aber wenn man in der Öffentlichkeit steht, holen sie einen irgendwann ein. Deshalb ist es am besten, die Basics früher und in einem noch recht entspannten Umfeld zu legen.
WIR PROFIS: Du hast selbst jahrelang als Journalist gearbeitet. Inwieweit fließen deine eigenen Erfahrungen in deine Arbeit als Mediencoach ein, wo du ja quasi die andere Seite vertrittst?
Holger Schmidt: Ich versuche, beim Austausch mit Medienvertretern ein Miteinander statt eines Gegeneinanders herzustellen. Natürlich ist klar, wessen Interessen ich als Medienberater vertrete. Aber im Endeffekt versuche ich, meine journalistische Erfahrung auch dazu zu nutzen, alle Beteiligten so miteinander zu verbinden, dass jeder davon profitiert. Idealerweise steht am Ende eines Pressetermins nämlich eine Win-Win-Win-Situation, bei der die interviewte Person profitiert, weil sie einen guten Eindruck hinterlassen hat, aber auch das Medium, weil es ein interessantes Interview geführt hat – was wiederum auch dem Zuschauer oder Zuhörer einen Mehrwert bietet.
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