Weil bei uns der Spieler als Mensch zählt!
Frank Wormuth
Früher Trainer, heute Coach
Frank Wormuth besitzt einen reichhaltigen und wertvollen Erfahrungsschatz. Er war unter anderem Profi beim SC Freiburg und bei Hertha BSC sowie Trainer bei Klubs wie Union Berlin oder Heracles Almelo in den Niederlanden. Viele Jahre leitete er zudem die DFB-Fußballlehrer-Ausbildung. Auch heute arbeitet der 64-Jährige noch als „Coach“; allerdings nicht mit der Mannschaft auf dem Platz, sondern als Wegbegleiter für aktive und ehemalige Profis, die von seiner Lebenserfahrung profitieren können.
WIR PROFIS: Frank, du begleitest und unterstützt Spieler bei ihrer Lebensplanung und -strukturierung. Hast du also vom Trainer zum Coach umgeschult?
Frank Wormuth: Im Moment schon, denn ich habe mehrere Ausbildungen unter anderem in den Bereichen Führungskräfte-, Berufs-/Karriere- oder Konflikt-Coaching absolviert. Man muss aber sagen, dass es sich bei „Coach“ und „Coaching“ nicht um geschützte Begriffe handelt, weswegen ich mich lieber als Prozessbegleiter beziehungsweise in dem Fall als Laufbahnbegleiter bezeichne. Gemeint ist am Ende dasselbe: Ein sprachlich geführter Perspektivwechsel, der es den Klienten ermöglicht, die beste Entscheidung für ihre weitere Lebensplanung in einem bestimmten Bereich zu treffen.
WIR PROFIS: Was ist das Besondere an der Karriere von Fußballprofis?
Frank Wormuth: Vielleicht ist schon der Begriff „Karriere“ etwas missverständlich, denn der klingt immer ein Stück weit hierarchisch; also so, als dürfe es nur nach oben gehen. Ein Postbote, der zum Postminister aufsteigt quasi. Klar, als Spieler möchte ich den nächsten Schritt auch lieber zu einem größeren Klub und einem besseren Vertrag machen. Aber vom Jobprofil her ist es im Fußball doch nicht immer so linear – vor allem mit dem großen Unterschied, dass es diese große Zäsur gibt, wenn die Zeit als Aktiver endet und eine zweite berufliche Phase beginnt, die in der Regel sogar länger dauert als die erste. Die will natürlich gut vorbereitet und geplant sein, am besten schon früh in der aktiven Zeit, damit der Übergang möglichst leichtfällt.
WIR PROFIS: Zumal die Laufbahn eines Profis durch eine schwere Verletzung jederzeit früh vorbei sein kann.
Frank Wormuth: Ja, klar! Das sage ich den Spielern auch immer in den Gesprächen: Du hast vielleicht noch ein paar Jahre im Tank, aber dieser Puffer kann ganz schnell aufgebraucht sein. Daher bin ich auch manchmal irritiert, wenn ich bei manchen Spielern eine gewisse Sorglosigkeit oder sogar Blindheit für dieses Thema feststelle. Schon in meinen eigenen letzten Profijahren war es so, dass die jungen Spieler um mich herum in ihrer Freizeit größtenteils FIFA gespielt haben. Das ist ja auch okay, man soll die Zeit ja genießen dürfen. Aber ich stelle dann schon konkret die Frage: Wie wär’s, wenn ihr Jungs mal beginnt, euch Gedanken darüber zu machen, was ihr später – im zweiten Teil eures Lebens – machen wollt? Selbst den Spielern, die vermeintlich finanziell ausgesorgt haben, rate ich das.
WIR PROFIS: Aber könnten die sich nicht bequem zurücklehnen und das Karriereende entspannt abwarten?
Frank Wormuth: Ja vielleicht – aber was dann? Selbst wenn ich als Spieler sehr viel Geld verdient habe, sollte ich wissen, wie ich dieses Geld sinnvoll anlege, damit ich zwischen dem 35. Lebensjahr und dem Lebensende möglichst viel davon habe – und bestenfalls auch noch die nächste Generation. Da geht es logischerweise eher um Themen wie Investitionen und Geldanlagen, aber auch hier habe ich das Gefühl, dass viele Spieler sehr kurzfristig denken und sich im Zweifel einfach auf die Tipps ihrer Berater verlassen. Leider sind nicht alle Berater in der Lage hier weiterzuhelfen.
WIR PROFIS: Bleiben wir bei den Spielern, die nicht ausgesorgt haben. Was empfiehlst du solchen Profis bei der Planung ihrer nachfußballerischen Laufbahn?
Frank Wormuth: Ich empfehle in der Regel nichts, sondern begleite durch Fragen. Oft mangelt es nämlich nicht an der Bereitschaft, sich weiterzubilden, sondern an der damit verbundenen Perspektive. Viele Spieler machen beispielsweise ein Fernstudium im Bereich Sportmanagement. Das ist gut – aber ob diejenigen dann überhaupt Lust haben, später als Sportmanager zu arbeiten, steht auf einem ganz anderen Blatt. Und da geht es im Gespräch dann an die wirklich tiefgreifenden Fragen.
WIR PROFIS: Zum Beispiel?
Frank Wormuth: Zum Beispiel mit der scheinbar banalen Frage: Wer bin ich eigentlich? Was zeichnet meinen Charakter aus und was sind meine Interessen, meine Motive und Kompetenzen? Da fangen viele zum ersten Mal an, sich wirklich intensiv mit dem eigenen Ich auseinanderzusetzen. Damit der Spieler sich selbst – und ich ihn – besser kennenlernen kann, nutze ich im Gespräch verschiedene Modelle aus der Persönlichkeitspsychologie. Etwa den Myers-Briggs-
Typenindikator oder die „Big Five“, das Fünf-Faktoren-Modell. Man könnte auch sagen: Ich suche den richtigen Kanal, um mit dem Spieler sprechen zu können und der Spieler lernt sich kennen. Danach bekomme ich sehr häufig die Rückmeldung: Mensch, das ist ja spannend, was Sie da mit mir machen – ich habe neue Dinge über mich selbst erfahren. Mein Vorgehen entspricht also ganz dem Menschenbild, das sich mittlerweile in vielen Gesellschaftsbereichen durchgesetzt hat – weg vom Homo oeconomicus oder dem Behaviorismus und hin zum Humanismus.
WIR PROFIS: Die Begriffe musst du uns kurz erklären.
Frank Wormuth: Ich bin ja ein Zeitzeuge der alten Schule. Früher wurde der Mensch eher unter der Frage beurteilt, ob er gewinn- und nutzbringend agiert. Übrigens nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Sport. In meiner Anfangszeit als Verteidiger bei Hertha BSC hat man mir gesagt: Frank, deine Flanken hinters Tor sind nicht gerade gewinnbringend – dein Verhalten muss sich ändern. Was habe ich gemacht? Ich habe ein halbes Jahr lang nach jedem Training mit dem Co-Trainer Flanken geschlagen, bis ich es kapiert hatte. Heute ist man viel mehr darauf bedacht, die Stärken des Individuums zu fördern und optimal zu nutzen, anstatt bestimmte Fähigkeiten erzwingen zu wollen. Agile Leadership und selbstorganisierte Teams nennt man sowas dann in einem Unternehmen. In diese Richtung geht auch der Ansatz, den ich für meine Laufbahnbegleitung wähle: Beratung ist ja naturgemäß eher etwas Externes, aber ich will, dass die Motivation für den weiteren Lebensweg von innen heraus kommt.
WIR PROFIS: Anders ausgedrückt: Dass die Spieler einen erfüllenden Job wählen und nicht den vermeintlich lukrativsten?
Frank Wormuth: Idealerweise sollte er natürlich beides sein. Aber es ist in der Tat so, sagen zumindest Studien, dass schätzungsweise 80 Prozent aller Arbeitnehmer nicht auf der Position eingesetzt werden, die sie für sich selbst als passend ansehen. Die gehen dann halt jeden Tag zur Arbeit, um zu arbeiten. Klar – viele haben Kinder und womöglich ein Haus, das sie finanzieren müssen. Da ist ‚Mache einen Job, der dir Freude bereitet‘ natürlich leichter gesagt als getan. Ich will aber dafür sensibilisieren, bei der Wahl der Beschäftigung die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten als Ausgangspunkt zu nehmen und nicht den Job selbst. Hier haben Fußballprofis übrigens einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen Arbeitnehmern.
WIR PROFIS: Welcher wäre das?
Frank Wormuth: Wenn Menschen erkannt haben, dass sie in einem anderen Job oder in einer anderen Position möglicherweise viel besser aufgehoben wären, ist es in der Regel sehr schwer, mal eben beruflich von A nach B zu wechseln. Die meisten Profis sind jedoch automatisch dazu gezwungen, mit Mitte 30 noch einmal neu zu starten und können ihren zweiten Karriereweg daher besser und zielgerichteter starten. Umso wichtiger ist es natürlich, dass dieser Weg mit Bedacht und vor allem frühzeitig geplant wird. Mir hat mal ein Ex-Nationalspieler verraten, dass er mit 35 einen Termin beim Amt machen musste und total aufgeschmissen war, weil er keine Ahnung hatte, wie das geht, weil man ihm in seiner Karriere immer alles abgenommen hatte. Das fand ich ein spannendes aber auch mahnendes Beispiel dafür, dass die Vorbereitungen auf das Leben danach gar nicht früh genug beginnen können.
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