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Tobias Müller über die Regionalliga Nordost: 

Haifischbecken mit Nadelöhr 

Er ist das Gesicht des Chemnitzer FC: Kapitän Tobias Müller (31) spielt mittlerweile seine siebte Saison im himmelblauen Trikot. Im Interview mit WIR PROFIS spricht er über die Fußballleidenschaft in der ehemaligen Karl-Marx-Stadt, die Besonderheiten der Regionalliga Nordost und seine Bachelorarbeit, in der er die Karriereplanung von Profis aus der vierten Liga unter die Lupe nimmt. 

WIR PROFIS: Tobias, seit nunmehr sechseinhalb Jahren spielst du beim Chemnitzer FC. Welche Bedeutung hat das himmelblaue Trikot für dich?

Tobias Müller: Mittlerweile eine sehr große! Der CFC ist einfach ein absoluter Traditionsklub; nicht nur auf Ostdeutschland bezogen, sondern bundesweit. Leider reicht es aktuell nur für die Regionalliga, aber von den Möglichkeiten, die es in Chemnitz gibt, von der Infrastruktur, der Fanbase und der Stadt an sich, hätte der Klub es auf jeden Fall verdient, wieder höher zu spielen. Das ist hier ein extrem bodenständiger Verein mit sehr treuen Fans und leidenschaftlichen Leuten, die im Hintergrund arbeiten. 

WIR PROFIS: Du bist im Sommer 2018 zum CFC gewechselt, der gerade aus der 3. Liga abgestiegen war. Hättest du damals gedacht, dass du so lange das Trikot und sogar die Kapitänsbinde des Klubs tragen würdest? 

Tobias Müller: Nein, überhaupt nicht. Ehrlich gesagt hätte ich sogar eher erwartet, dass Chemnitz für mich eine weitere Zwischenstation ist. Aber dann habe ich relativ schnell gemerkt, dass ich mich in der Stadt und im Verein sehr, sehr wohl fühle. Es ist auch krass, wie sehr die Leute hier den Klub leben – wie gesagt, ein absoluter Traditionsverein. Ich habe während meiner Zeit hier einige Hochs und Tiefs erlebt und weiß, wie sehr das Umfeld mit Leib und Seele am Verein hängt. Das hat man auch bei der Aufstiegsparty gemerkt, die ich 2019 glücklicherweise miterleben durfte. Da wünsche ich mir einfach, dass die Leute hier in absehbarer Zeit wieder Grund zum Feiern haben – das muss ein absolutes Ziel für die Zukunft sein. Auch wenn es nicht einfach wird; denn in der Regionalliga Nordost aufzusteigen, ist eine echte Herausforderung. 

WIR PROFIS: Erzähl uns mehr über die Regionalliga Nordost aus Spielersicht. Was macht die Liga im Vergleich zu anderen besonders? 

Tobias Müller: Ich persönlich finde, dass die Regionalliga Nordost die attraktivste Regionalliga in Deutschland ist. Hier spielen viele Traditionsklubs, die in ihren jeweiligen Städten und Regionen absolute Zuschauermagneten sind. Dementsprechend gut besucht sind die Spiele und das ist nicht nur für die Fans, sondern natürlich auch für uns Spieler sehr, sehr attraktiv. Natürlich haben wir aber auch einen kleinen Nachteil, da es keinen garantierten Aufstiegsplatz gibt, sondern nur das rotierende System mit der Regionalliga Bayern und der Regionalliga Nord. Das führt dazu, dass der Meistertitel nur alle paar Jahre auch zum Aufstieg reicht. Dafür haben die Spiele hier aber halt auch einen ganz besonderen Reiz, da viele Duelle eine lange Historie haben, die bis in DDR-Zeiten zurückreicht. Von daher ist die Regionalliga Nordost zwar sehr attraktiv, aber schon irgendwo eine Art Haifischbecken, aus dem nur ein Nadelöhr herausführt. 

WIR PROFIS: Welches Ziel habt ihr euch als Mannschaft – hast du dir als Kapitän – für die Rückrunde gesetzt? 

Tobias Müller: Je älter ich werde, desto mehr rücken meine eigenen sportlichen Ziele in den Hintergrund und der Erfolg der Mannschaft und des Klubs stehen über allem. Unser Start in die Saison war kompliziert, von den ersten zehn Spielen haben wir nur eines gewonnen. Das hatten wir uns natürlich komplett anders vorgestellt. Glücklicherweise konnten wir uns zum Ende des Kalenderjahres stabilisieren und ein wenig freischwimmen. Trotzdem muss man realistisch auf die Tabelle schauen: Mit dem Aufstieg wird es wohl nichts, da sind uns einige Mannschaften enteilt. Aber wir wollen durchaus noch ein paar Teams ärgern, die vor uns stehen, den Fans gute Spiele bieten und noch einige Plätze nach oben klettern. 

WIR PROFIS: Und ein absoluter Pokalkracher steht für euch auch noch auf dem Programm … 

Tobias Müller: Genau, im Sachsenpokal spielen wir im März gegen Erzgebirge Aue. Für uns und die Fans ist das sowas wie das Highlight des Jahres, ein sehr spezielles Spiel, denn die Rivalität mit Aue existiert seit den 1950er Jahren. Auch wenn es gegen ein höherklassiges Team geht, wollen wir das Spiel natürlich unbedingt gewinnen und im Pokal so weit kommen wie möglich. 

WIR PROFIS: Das klingt fast nach Tiefstapelei – ist der CFC als sächsischer Rekordpokalsieger nicht automatisch Titelfavorit? 

Tobias Müller: Ja gut, im besten Fall wollen wir das Ding natürlich gewinnen (lacht). Ich selbst hatte das Glück, den Pokal schon mehrmals in die Höhe stemmen zu dürfen. Was man immer so über den DFB-Pokal sagt, dass der Wettbewerb seine eigenen Gesetze hat, gilt auch auf Landespokalebene: Hier kann das scheinbar kleinere Team immer mal für eine Überraschung sorgen und den vermeintlichen Favoriten rausschmeißen. Außerdem ist es natürlich eine gute Möglichkeit, sich für den DFB-Pokal zu qualifizieren. Da hatten wir während meiner Zeit in Chemnitz schon sehr schöne Spiele, unter anderem gegen den HSV, die TSG Hoffenheim und Union Berlin. Leider hat es nie dazu gereicht, in die zweite Runde einzuziehen, aber es war jedes Mal sehr knapp. So etwas noch einmal zu erleben, ist definitiv ein Ziel, das ich noch habe. 

WIR PROFIS: Aktuell setzt du dich bereits mit der Zeit nach der aktiven Karriere auseinander – und zwar im doppelten Sinne. Erzähl uns mehr über dein Forschungsprojekt … 

Tobias Müller: Ich schreibe momentan meine Bachelorarbeit im Studiengang Sportbusiness Management an der IST-Hochschule, einem eurer Bildungspartner. Darin geht es um Karriereperspektiven und Bildungsentscheidungen von Spielern der Regionalliga Nordost. Teil der Forschungsleistung ist, dass ich Kollegen und Mitspieler befrage, inwiefern sie sich mit der Karriere nach der Karriere auseinandersetzen, für welchen Weg sie sich entscheiden und welche Hemmnisse es vielleicht auch gibt. 

WIR PROFIS: Ein wichtiges Thema für Profis – warum auch und vor allem in der Regionalliga? 

Tobias Müller: Jeder weiß, dass die Gehälter bei uns oder auch in der 3. Liga nicht mit denen von Bundesliga-Spielern vergleichbar sind. Ganz oben gibt es vielleicht den ein oder anderen Spieler, der sich finanziell keine großen Gedanken mehr machen muss. Aber darunter musst du schauen, dass du dir eine berufliche Perspektive für die Zukunft schaffst. Deshalb ist es gerade für Spieler der Regionalliga und der 3. Liga nochmal wichtiger, sich darüber Gedanken zu machen, als bei einem Bundesliga-Profi, der ein Millionengehalt bezieht. Übrigens nicht erst im fortgeschrittenen Alter, sondern am besten schon als jüngerer Spieler, denn du hast immer dieses Risiko, dass aus dem Nichts eine Verletzung auftreten kann, die alles viel früher beendet, als es dir lieb ist. Und dann ist es gut, wenn man zumindest einen Plan B vorliegen hat. Natürlich wünschen wir uns alle, so lange wie möglich erfolgreich Fußball zu spielen, aber ich glaube, es schadet nicht, sich Gedanken darüber zu machen, was passiert, wenn das eines Tages nicht mehr der Fall ist. Deshalb halte ich auch eure Unterstützung bei Bildungsangeboten für Profis für eine richtig gute Sache! 

WIR PROFIS: Was hat dich damals bewogen, Mitglied bei der VDV zu werden und welche Services hast du bereits genutzt? 

Tobias Müller: Ich glaube, ich bin damals durch Mitspieler auf die VDV aufmerksam geworden, musste mich aber bislang nicht aktiv an euch wenden. Es ist ja so: Wenn jemand durch die Spielergewerkschaft Hilfe und Support erfahren hat, ist das eine schöne Geschichte – noch schöner ist aber, wenn man diese Hilfe gar nicht benötigt hat, denn es zeigt, dass man Glück in seiner Karriere hatte. Nichtsdestotrotz halte ich euch für eine ganz, ganz wichtige Institution im deutschen Fußball. Das versuche ich auch meinen Mitspielern zu vermitteln, wenn sie sich zum ersten Mal mit dem Angebot der VDV auseinandersetzen. Viele der Jungs wissen gar nicht, dass es da einen Ansprechpartner gibt, der sich aktiv für ihre Rechte einsetzt. Daher verfolge ich natürlich, was ihr so tut, und lese auch die WIR PROFIS mit großem Interesse. 

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