Weil bei uns der Spieler als Mensch zählt!
DFB-Mediziner Prof. Dr. med. Tim Meyer
Temperaturschwelle für Trinkpausen ist zu hoch
Im Sommer geht das Fußballjahr buchstäblich in seine „heiße Phase“: In den vergangenen Jahren wurden in Deutschland zwischen Juni und September regelmäßig Rekordtemperaturen gemessen – eine Abkehr von diesem Trend ist auch in diesem Sommer nicht zu erwarten. Prof. Dr. med. Tim Meyer, Vorsitzender der Medizinischen Kommission des DFB, erklärt, worauf Fans und Spieler in den heißen Monaten achten müssen.
WIR PROFIS: Welche offiziellen Regelungen gibt es im Fußball, um Spieler vor Überhitzung zu schützen?
Tim Meyer: Die FIFA hat bereits zur WM 2014 in Brasilien offizielle „Cooling Breaks“ ab einer Temperatur von 32 Grad WBGT eingeführt. Wenn Sie jetzt glauben, das seien einfach 32 Grad, liegen Sie falsch: WBGT steht für „Wet Bulb Globe Temperature“ und berücksichtigt neben der Lufttemperatur auch Faktoren wie Windgeschwindigkeit, Sonneneinstrahlung und Luftfeuchtigkeit. Es ist so etwas Ähnliches wie die gefühlte Temperatur, von der im Wetterbericht manchmal die Rede ist. 32 Grad WBGT erreichen wir in Deutschland aber meist erst, wenn wir schon bei 37 oder 38 Grad Lufttemperatur liegen. Diese Schwelle ist aus meiner Sicht zu hoch angesetzt und sollte nach unten korrigiert werden! Zudem wird deutlich, wie viele unterschiedliche Faktoren auf das Hitzeempfinden einwirken, aber auch objektiv den Stress für den Organismus ausmachen. Manchmal ist die Wet Bulb Globe Temperature in einer Ecke des Stadions nämlich eine ganz andere als in der gegenüberliegenden, etwa aufgrund von Bäumen außerhalb des Stadions oder der Architektur des Tribünendachs.
WIR PROFIS: Mit anderen Worten: Im Zweifel sollte der Schiedsrichter die „Cooling Breaks“ lieber nach eigenem Ermessen durchführen?
Tim Meyer: Ja! Ich finde es klasse, wenn die Schiedsrichter ihre Flexibilität im richtigen Moment nutzen. In der Bundesliga hatten wir beispielsweise Anfang April in einigen Regionen Deutschlands bereits ungewöhnlich hohe Temperaturen. Da haben die Unparteiischen in der Nachmittagssonne spontan Trinkpausen zugelassen, obwohl nie und nimmer die 32 Grad der Wet Bulb Temperature erreicht wurden. Das war unerwartet, aber aus medizinischer Sicht super, denn zu diesem Zeitpunkt hatte sich noch kein Mensch wirklich akklimatisiert. Im August, wenn die Bundesliga beginnt, haben wir alle ja schon zwei, drei warme Monate hinter uns und sind besser auf die Temperaturen eingestellt.
WIR PROFIS: Was können Spieler generell tun, um sich vor Hitze zu schützen?
Tim Meyer: Die effektivsten Faktoren sind Kleidung und Flüssigkeit. Die Feldspieler sind gut beraten, wenn Sie schon zu Spielbeginn vernünftig mit Flüssigkeit aufgeladen sind und dann natürlich jede weitere Unterbrechung nutzen, um etwas zu trinken. Beim Thema Kleidung wird es für Fußballprofis natürlich schwierig: Eigentlich wäre es bei starker Sonneneinstrahlung ratsam, auf Kopfbedeckungen und langärmelige, weiße Kleidung zu setzen. Beides ist aber, wenn überhaupt, nur für Torhüter möglich. Und auf die Farbe der Trikots hat man als Spieler in der Regel ja auch keinen Einfluss. Allerdings gibt es abseits des Platzes verschiedene Kühlmethoden, die sich an heißen Tagen als sehr effektiv erwiesen haben: Ein Bad in der Eistonne, ein Eiswasserhandtuch im Nacken oder auch geeiste Getränke, sofern der Spieler sie verträgt. Ich muss aber auch sagen: Um die Spieler sorge ich mich bei hohen Temperaturen eher weniger – die sind jung, gesund und ärztlich betreut.
WIR PROFIS: Im Gegensatz zu manchen Zuschauern …
Tim Meyer: Genau. Es kommt eben nicht nur der fitte Mittdreißiger ins Stadion, sondern zum Beispiel auch der 75-Jährige, der im Jahr zuvor einen Herzinfarkt erlitten hat. Für den kann es bei einer Lufttemperatur von 30 Grad oder mehr auch einmal richtig gefährlich werden. Aber auch die Jüngsten sind etwas im Nachteil, denn Kinder überhitzen schnell. Es gibt weitere Faktoren, die bestimmen, wie „anfällig“ man bei heißem Wetter ist, beispielsweise Anzahl und Dichte der Kopfhaare oder die Hautfarbe. Dunklere Haut heizt sich etwas schneller auf, da sie weniger Sonnenlicht reflektiert; das ist auch der Grund, warum eher helle und lockere Kleidung zu empfehlen ist. Das Thema Flüssigkeit gestaltet sich für Fans im Stadion natürlich etwas schwierig, da größere Flaschen als potenzielle Wurfgeschosse nicht mit hineingenommen werden dürfen. Hier gilt es, so gut es geht das Getränkeangebot im Stadion zu nutzen und bereits vor dem Spiel für einen guten Flüssigkeitshaushalt zu sorgen: Denn: Fast alle Mechanismen unseres Körpers, die der Temperaturregulation dienen, hängen mit Wasser, also mit guter Flüssigkeitsversorgung, zusammen!
WIR PROFIS: Sonnenschutzcreme, um die Haut vor Verbrennungen zu schützen, sollte vermutlich ebenfalls jeder Fan mitführen?
Tim Meyer: Ja, aber nicht nur wegen der Haut. Bei Sonneneinstrahlung denken wir zwar zuallererst an die Gefahr eines Sonnenbrands – zurecht –, allerdings spielt die direkte Sonneneinstrahlung auch für Hitzekrankheiten wie Hitzschlag, Hitzeerschöpfung oder den berühmten Sonnenstich eine Rolle. Durch das Tragen eines Hutes oder einer Kappe lässt sich dieses Risiko deutlich verringern.

WIR PROFIS: Sie sind auch Leiter des DFL-Expertengremiums „Medizin im Profifußball“. Wie sieht die Arbeit der AG konkret aus und welche Schutzmaßnahmen für Profis wurden schon erreicht?
Tim Meyer: Diese Arbeitsgruppe ist quasi aus der „Task-Force Sportmedizin/Sonderspielbetrieb“ während der Corona-Pandemie hervorgegangen, allerdings hat sich das Team nun etwas anders aufgestellt. Anstelle der Hygieneexpertin Barbara Gärtner haben wir jetzt den erfahrenen Mannschaftsarzt Prof. Karl-Heinz Bauer aus Bochum dabei. Neben Prof. Werner Krutsch und mir sind auch die DFL-Direktoren Ansgar Schwenken und Andreas Nagel dabei. Das Sichtbarste, was wir bislang auf die Beine gestellt haben, ist vermutlich das Concussion-Protokoll, also das „DFL-Protokoll Kopfverletzungen“, das vor etwas über einem Jahr von allen Klubs der Bundesliga und 2. Bundesliga unterzeichnet wurde. Aktuell trifft sich unsere AG jeden Monat, um weitere medizinische Sachverhalte rund um den Profifußball zu diskutieren. Hier gibt es nämlich eine ganze Menge Themen, die sich gänzlich anders darstellen als im Amateurbereich. Übrigens auch beim Thema Hitzeschutz.
WIR PROFIS: Inwiefern?
Tim Meyer: Im Profifußball kannst du ein Spiel nicht einfach so absagen oder verschieben, ohne dass es einen riesigen finanziellen Schaden verursacht. Neben vermarktungsrechtlichen Fragestellungen sind Fans, Mitarbeiter und TV-Teams am Abend vorher schon angereist, und entsprechende Kosten sind angefallen. Im Amateurfußball sieht das natürlich anders aus: Wenn irgendwo eine unerwartete Hitzewelle auftritt, kann ein Kreisliga-Spiel abgesagt oder verlegt werden. Tatsächlich versuchen wir in der Medizinischen Kommission des DFB auch, bis in die Amateurklassen hinein zu wirken, was allerdings schwieriger ist als es zunächst klingt. Manchmal vergehen Jahre, bis eine Empfehlung aus Frankfurt den Weg in kleinere Sportvereine und dort zu den Schiedsrichtern findet. Da ist ein Signal aus der Bundesliga oft viel effektiver! Deswegen war ich auch so froh über die Trinkpausen im April …
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