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Cottbus’ Aufstiegscoach Claus-Dieter „Pele“ Wollitz:

„Du kannst eine Truppe nicht mit einer PowerPoint-Präsentation für dich gewinnen“

Nach fünf langen Jahren in der Regionalliga Nordost hat Claus-Dieter „Pele“ Wollitz Energie Cottbus zurück in die 3. Liga geführt. WIR PROFIS sprach mit dem Aufstiegstrainer über die Balance zwischen Euphorie und Realismus, die Emotionalität in der Lausitz und seine Verbundenheit zur VDV.

WIR PROFIS: Glückwunsch, Pele – Energie Cottbus ist zurück in der 3. Liga! Was ist kommende Saison für euch drin?

„Pele“ Wollitz:Der Klassenerhalt, hoffentlich. Ich finde, als Aufsteiger sollte man erst einmal bescheiden bleiben, anstatt direkt das ganz große Ziel auszurufen. Ich würde aber wirklich gerne mal im DFB-Pokal die zweite Runde erreichen! Wir wissen natürlich, wie schwer es gegen Werder Bremen wird. Von daher gilt: Da weitermachen, wo wir aufgehört haben, und ein gutes Spiel zeigen. Momentan herrscht in Cottbus eine Euphorie wie seit Jahren nicht mehr. Auf dieser Welle wollen wir so lange wie möglich mitschwimmen.

WIR PROFIS: 2023 seid ihr in der Relegation noch knapp gescheitert – war die Freude und Erleichterung jetzt umso größer?

„Pele“ Wollitz: Ja, ich glaube, mit der Enttäuschung aus ’23 im Hinterkopf ist die Euphorie noch einmal gewachsen und das Umfeld näher zusammengerückt. Diese Leistung aus der letzten Saison zu bestätigen, ist ja auch nicht selbstverständlich. Und ich glaube, ein größeres gegenseitiges Vertrauen als jetzt im Moment habe ich in Cottbus zuvor noch nie gespürt.

WIR PROFIS: Gerade mit so viel Vertrauen muss Träumen doch erlaubt sein: Münster, Ulm und Elversberg haben schließlich vorgemacht, wie man in die 2. Bundesliga durchmarschiert …

„Pele“ Wollitz:Die Frage ist ja immer, was wir als Klub zulassen. Klar, Träume können motivieren, weil du dann jeden Tag hart dafür arbeitest. Aber Träume dürfen auch nicht lähmen, wenn es mal eine Niederlage setzt und in die andere Richtung geht. Es gilt also, die Balance zu finden. Dass das Umfeld bei einem emotionalen Klub wie Energie Cottbus auch mal anfängt zu träumen, finde ich schon in Ordnung. Wir als Mannschaft sollten jedoch realistisch bleiben und uns zunächst nach unten absichern. Ich weiß, das ist eine Floskel – und ich mag eigentlich keine Floskeln –, aber: Für uns ist es extrem wichtig, erst einmal in der 3. Liga anzukommen und von Spiel zu Spiel zu schauen. Wir sind schon einmal mit 89 Punkten und viel Euphorie in die 3. Liga aufgestiegen und dann am Ende mit 45 Punkten und einem Tor weniger wieder abgestiegen. Das Geschäft kann da sehr brutal sein. Deshalb: Ankommen, hart arbeiten und – ganz wichtig – in jedem Spiel das Gefühl vermitteln: Wir können heute gewinnen. Das wird entscheidend sein.

WIR PROFIS: Wie wichtig werden dabei Emotionen und Motivation im Vergleich zu Taktik und Spielansatz sein? Du selbst stehst wie kaum ein anderer Coach für absolute Fußball-Leidenschaft …

„Pele“ Wollitz: Ich glaube, dass das ein Bestandteil des Fußballs sein darf und auch sollte – sofern es mit dem rationalen Teil im Gleichgewicht ist. Klar, manchmal nehmen die Emotionen überhand und man schießt vielleicht über das Ziel hinaus (lacht). Aber ich glaube, dass es in dieser Region, in dieser Fußballstadt Cottbus extrem wichtig ist, emotional zu sein, Identität zu haben, Identifikation zu haben. Das Gefühl zu vermitteln, dass du zu 100 Prozent dabei bist und es für dich eben nicht nur ein Job ist. Die Menschen hier fühlen sich aufgrund des Strukturwandels ein bisschen alleingelassen, Stichwort Kohleabbau. Wenn du jahrzehntelang für alle den Strom produziert hast, willst du jetzt nicht links liegen gelassen werden. Deshalb muss man sich ein Stück weit auf das einlassen, was die Menschen hier gerne mögen. Und das ist nun mal Leidenschaft, das sind Wille und auch Kampf. Solange das im Vordergrund steht, ist die Taktik manchmal wirklich zweitrangig. Ich sage immer: Es ist wichtiger, einen gemeinsamen Plan zu haben, als dass jeder mit einem eigenen taktischen Plan herumläuft.

WIR PROFIS: Ist das der Grund, warum ein „Laptop-Trainer“ – wie Mehmet Scholl einst die analytische Trainergeneration nannte – in Cottbus nicht funktionieren würde?

„Pele“ Wollitz:Fakt ist: Du kannst eine Truppe nicht mit einer PowerPoint-Präsentation für dich gewinnen. Und das ist überhaupt nicht negativ gemeint, denn natürlich setzen wir solche Mittel auch ein. Aber um eine Kabine zu begleiten, braucht es zwischenmenschliche Kommunikation. Und ich glaube, das ist eine unserer Stärken, die Truppe zu begleiten und für unsere Vision zu gewinnen. Dieses gegenseitige Vertrauen war in den letzten Jahren schon sehr ausgeprägt, übrigens nicht nur zwischen mir und der Mannschaft, sondern hinauf bis zum Präsidium und dem Verwaltungsrat. Das gab es hier zuvor in der Form nicht.

WIR PROFIS: Du musst es wissen, schließlich ist es bereits dein drittes Engagement als Trainer von Energie.

„Pele“ Wollitz: 2009 kam ich zum ersten Mal hierhin. Damals war der Klub gerade aus der Bundesliga abgestiegen. Man hätte mich damals sogar als Trainer für die erste Liga genommen, was ich als große Anerkennung empfunden habe. Für mich war das damals ein großer Schritt von Osnabrück hierhin, allein schon was die professionellen Arbeitsbedingungen anging. 2016 fragte der Klub ein zweites Mal bei mir an, damals steckte ich in einer komplizierten Situation, aber trotzdem war sehr schnell klar, dass wir zusammenpassen. 2019 – als Tabellenführer – habe ich dann selbst die Reißleine gezogen, weil ich unzufrieden war, wie intern im Verein gegeneinander gearbeitet wurde, speziell auch gegen meine Person. Deshalb war ich dann wirklich überrascht, als ich im März 2021 den Anruf bekam, ob man sich nicht treffen und perspektivisch doch wieder zusammenarbeiten könne. Mit dem neuen Präsidium hat es dann auch direkt gepasst: Meine Vorstellungen vom Fußball und darüber, wie man mit Menschen umgeht, kann ich hier perfekt umsetzen. Und die Geschichte der letzten drei Jahre, die kann sich jeder selbst angucken. Das war mehr als ordentlich, würde ich sagen.

WIR PROFIS: Noch länger Bestand als dein Engagement in der Lausitz hat nur deine VDV-Mitgliedschaft. Was bedeutet die Spielergewerkschaft für dich?

„Pele“ Wollitz:Ich bin total überzeugt von dem, was die VDV macht; welche Angebote sie den Profis bereitstellt. Etwa das VDV-Proficamp, wo die Jungs rundum versorgt werden und Hilfe bekommen, die ihnen sonst keiner geboten hätte. Deshalb bin ich nicht nur aus Solidarität, sondern auch aus tiefster Überzeugung Mitglied der ersten Stunde! Auch die WIR PROFIS lese ich übrigens immer mit großer Freude, vor allem die informativen Texte zum Thema Recht oder Steuerfragen haben mir in der Vergangenheit schon weitergeholfen.

WIR PROFIS: Du hast viel Erfahrungen in allen deutschen Profiligen gesammelt. Wie unterscheiden sich die Interessen und Bedürfnisse der Profis?

„Pele“ Wollitz:Für die Spieler ändert sich vor allem der finanzielle Rahmen. Je mehr du also verdienst, desto besser kannst du vorsorgen und dich schützen. Deshalb sind eure Angebote gerade für Spieler der 3. Liga und der Regionalligen so wichtig, wenn es beispielsweise zu Gehaltsausfällen oder Klubinsolvenzen kommt. Auch als Trainer hast du in den höheren Ligen natürlich mehr Möglichkeiten und vor allem ein größeres Team. Dinge wie die Beobachtung des Gegners, die Analyse von Mosaiksteinchen und Mustern, die dir helfen, dich vorzubereiten, die sind natürlich mit einem kleinen Staff unfassbar schwierig.

WIR PROFIS: Aktuell ist der Plan, dass du ab der Saison 2025/2026 als Sportdirektor weitermachst. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

„Pele“ Wollitz: Ich bin ein Typ, der gerne Strukturen verbessert und den Klub kontinuierlich professioneller, nachhaltiger machen will. Aktuell fülle ich parallel beide Rollen aus, Trainer und Sportdirektor, aber irgendwann ist es mir dann auch wirklich zu viel. Obwohl mein Staff wirklich top, top, top ist – ohne den wäre das alles gar nicht möglich. Also ja: Der Plan ist, ab 2025 als Sportdirektor weiterzumachen. Aber im Fußball weiß man ja nie …

WIR PROFIS: Wie meinst du das?

„Pele“ Wollitz: Es gibt eine mündliche und sogar eine schriftliche Zusage. Ich muss aber zugeben, dass viele Menschen, die mich gut kennen, mir bereits die Frage gestellt haben: Okay – aber wer soll denn dann Trainer werden?

WIR PROFIS: Energie Cottbus ohne „Pele“ Wollitz ist in der Tat schwer vorstellbar.

„Pele“ Wollitz: Ich bin nicht das Evangelium des Fußballs. Unser Ziel ist es, einen neuen Trainer zu finden, der mutig und von der Aufgabe überzeugt ist. Außerdem sollte er Durchsetzungsvermögen mitbringen und zur Region passen. Und da muss man sagen: Das wird eine Herausforderung. Auch ich muss mich in so einer Konstellation erst einmal beweisen. Noch hat es diesbezüglich keine konkreten Gespräche gegeben, deswegen müssen wir einfach abwarten. Ich bin ein Typ mit einer starken Meinung und würde mir so jemanden auch als neuen Trainer wünschen. Wobei ich mich nie in dessen Arbeit, zum Beispiel die Aufstellung, einmischen würde. Klar kann man intern hier und da diskutieren, aber nach Außen würde ich Trainer und Taktik immer verteidigen.

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