News

Tipps zur Selbstregulation

Top-Leistungen unter Druck

Erfolgreich und gesund im Leistungssport: Die von der VDV mitin­i­ti­ie­rte Initiative MENTAL GESTÄRKT bietet in Kooperation mit MENTALTALENT Gruppenworkshops an, in denen junge Athleten Methoden zur Gesundheitsförderung und Ressourcenstärkung erlernen können. WIR PROFIS sprach mit der Geschäftsführerin Marion Sulprizio über das besonders beliebte Workshopmodul „Gute Leistung unter Druck“.

WIR PROFIS: Frau Sulprizio, wie gefragt ist ein Sportler-Workshop zum Umgang mit Druck?

Marion Sulprizio: Dieses Modul ist tatsächlich der „Top-Seller“ unter unseren Workshops. Schließlich ist das Thema für viele im Leistungssport Involvierte von Interesse: Spieler möchten ihre Leistung unter Wettkampfbedingungen optimieren, Trainer und Klubs wollen, dass ihre Spieler möglichst gut mit Kritik und Fehlern umgehen können. Hier setzen wir bei unseren Veranstaltungen an und zeigen den Athleten beispielsweise Möglichkeiten zur Steuerung und Optimierung ihrer Konzentration auf.

WIR PROFIS: Welche Tipps werden den Sportlern im Workshop vermittelt?

Marion Sulprizio: Wir geben den Teilnehmern verschiedene sportpsychologische Werkzeuge oder Tools für den Umgang mit Druck an die Hand. Welche sie davon im Wettkampf einsetzen, muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Ein zentraler Aspekt, an dem jeder Sportler arbeiten sollte, ist seine Spannungsregulation: Wer unter Stress optimale Leistung bringen will, muss seine Aktivierung – also den Zustand der Erregung – aktiv regulieren und steuern können. Natürlich sind alle Athleten verschieden, deshalb wählt jeder später einen etwas anderen Zugang für sein jeweiliges Problem.

WIR PROFIS: Manche Sportler behaupten, unter Druck besonders leistungsfähig zu sein, andere hingegen fühlen sich wie gelähmt. Wie ist das zu erklären?

Marion Sulprizio: Auch das hängt mit der Aktivierung beziehungsweise der Verbindung von Aktivierungsniveau und Leistung zusammen. Bin ich beispielsweise ein Typ, der Stress besonders gut vertragen kann, dann benötige ich ein relativ hohes Aktivierungsniveau, um meine beste Leistung zu bringen. Jemand anders hingegen hat seinen Leistungshöhepunkt vielleicht an einem viel geringeren Aktivierungspunkt. Ausgehend von dieser Grundidee lassen sich viele Phänomene erklären. Beispielsweise kann durch starke Emotionen wie Ärger – über sich selbst oder etwa über den Schiedsrichter – das Aktivierungsniveau überhöht werden und damit auch die Leistung erheblich abnehmen.

WIR PROFIS: Demnach kann ein Sportler sein optimales Leistungsvermögen individuell ansteuern.

Marion Sulprizio: Genau, hier kommt es allerdings auf den Spielertyp an. Jemand, der starke Emotionen gut verkraftet und vielleicht sogar braucht, kann sich damit selbst pushen und so in den richtigen Bereich für Top-Leistung gelangen. Man kann sich diese Relation wie ein Koordinatenkreuz mit der Leistung auf der Y-Achse und der Aktivierung auf der X-Achse vorstellen: Zu wenig oder zu viel Aktivierung zieht schlechte Leistung nach sich, dazwischen entsteht eine Parabel, die je nach Typ entweder links- oder rechtsverschoben sein kann. So kann man quasi individuell ablesen, in welchem Stress- oder Angstlevel jemand leistungsfähig ist und ihm dazu dann entweder Aktivierungs- oder Entspannungsstrategien vermitteln.

WIR PROFIS: Kann zu hoher Druck auf Dauer zu psychischen Erkrankungen führen?

Marion Sulprizio: Ja, wobei auch hier die neurophysiologische Veranlagung entscheidend ist. Psychische Erkrankungen kann man in der Regel immer durch eine, zum Teil genetisch bedingte, Vulnerabilität erklären. Ist diese stärker ausgeprägt, kann sie dazu führen, dass jemand beispielsweise depressive Züge zeigt, wenn Druck und Stress überhand nehmen.

WIR PROFIS: Der Begriff Druck wird medial sehr häufig für die Erklärung sportlicher Verläufe herangezogen, etwa wenn eine Mannschaft „dem Druck nicht gewachsen“ ist. Zurecht?

Marion Sulprizio: Es ist auf jeden Fall nicht aus der Luft gegriffen. Der Umgang mit Druck hat tatsächlich großen Einfluss auf die sportliche Leistung. Allerdings ist es wieder etwas anderes, die eben genannten Faktoren auf ein ganzes Team zu beziehen. Hier spielen zusätzlich noch andere, gruppenpsychologische Dinge eine Rolle. Beispielsweise kann es sich negativ auf die ganze Mannschaft auswirken, wenn der Trainer oder auch nur der Kapitän einen schlechten Tag haben. Dies nennt man in der Psychologie soziale Ansteckung. Ein weiterer wichtiger Begriff ist außerdem die sogenannte Selbstwirksamkeitserwartung: Inwiefern bin ich davon überzeugt, dass ich meine Aufgaben mit den momentan vorhandenen Ressourcen erfolgreich bewältigen kann? Wenn also, um ein aktuelles Beispiel zu nennen, davon gesprochen wird, dass Borussia Dortmund im Meisterschaftskampf „dem Druck nicht gewachsen“ sei, dann kann damit auch die Selbstwirksamkeitserwartung des Teams gemeint sein – und die Tatsache, dass möglicherweise der FC Bayern mit der Favoritenrolle besser zurechtkommt.


Die VDV hat die sportpsychologische Netzwerkinitiative MENTAL GESTÄRKT an der Deutschen Sporthochschule Köln mitinitiiert.

Dort können sich insbesondere Spieler und Trainer sowie deren Angehörige mit Fragen zur Sportpsychologie und zur psychischen Gesundheit an die Expertenhotline 02 21 – 49 82 55 40 wenden. Die telefonische Beratung ist vertraulich und grundsätzlich kostenfrei. Bei Bedarf kann zeitnah sportpsychologische und/oder ärztliche Hilfe vor Ort vermittelt werden.

Werde jetzt VDV-Mitglied:

Weil bei uns der Spieler als Mensch zählt!

Deine Vorteile

Mitgliedsantrag