News

VDV-Recht: Konkrete Fälle bei internationalen Transfers

Zur Berechnung der FIFA-Ausbildungsentschädigung

Immer wieder erreichen die VDV Fragen zur Berechnung der Ausbildungsentsch√§digung bei internationalen Transfers. √úber die Grunds√§tze dieser FIFA-Bestimmungen ist bereits in Ausgabe 1/2016 ausf√ľhrlich berichtet worden. Darauf aufbauend erl√§utert VDV-Justiziar Dr. Frank Rybak nun weitere Einzelheiten und einige konkrete Fallkonstellationen.

WIR PROFIS: Wann entsteht ein Anspruch auf eine Ausbildungsentschädigung?

Dr. Frank Rybak:¬†Gem√§√ü Anhang 4 Artikel 2 Absatz 1 des FIFA-Reglements bez√ľglich Status und Transfer von Spielern wird eine Ausbildungsentsch√§digung in zwei F√§llen geschuldet: Zum einen, wenn ein Spieler zum ersten Mal als Berufsspieler registriert wird, zum anderen, wenn ein Berufsspieler zwischen zwei Klubs transferiert wird, die nicht demselben Nationalverband angeh√∂ren, wobei die Registrierung oder der Transfer vor dem Ende der Saison erfolgen muss, in der der Spieler 23 Jahre alt wird.

WIR PROFIS: Folgender Fall: Ein 17-jähriger deutscher Amateurspieler wechselt von einem deutschen Bundesligisten zu einem dänischen Erstligisten und unterschreibt dort einen Profivertrag. Inwieweit fällt eine Ausbildungsentschädigung an?

Dr. Frank Rybak:¬†Wenn ein Spieler ‚Äď nach einem internationalen Vereinswechsel ‚Äď zum ersten Mal als Berufsspieler registriert wird, hat der Klub, f√ľr den der Spieler registriert wird, allen Klubs, bei denen der Spieler registriert gewesen ist und die ab der Spielzeit, in der der Spieler zw√∂lf Jahre alt geworden ist, zu seiner Ausbildung beigetragen haben, eine Ausbildungsentsch√§digung zu zahlen. Die Ausbildungsentsch√§digung errechnet sich grunds√§tzlich nach dem finanziellen Aufwand, den der neue Verein gehabt h√§tte, wenn er den Spieler selbst ausgebildet h√§tte. Bei der erstmaligen Registrierung als Berufsspieler berechnet sich die Ausbildungsentsch√§digung durch die Multiplikation der Trainingskosten des neuen Vereins mit der Anzahl der Trainingsjahre, grunds√§tzlich beginnend ab der Spielzeit, in der der Spieler zw√∂lf Jahre alt wird, bis zur Spielzeit, in der der Spieler 21 Jahre alt wird. Um zu verhindern, dass die Ausbildungsentsch√§digung f√ľr besonders junge Spieler unverh√§ltnism√§√üig hoch ausf√§llt, errechnen sich die Trainingskosten f√ľr die Spielzeiten zwischen dem zw√∂lften und 15. Geburtstag auf der Grundlage der Kategorie IV. Nach der Einteilung der Klubs ist ein d√§nischer Erstligist der UEFA-Kategorie II zuzuordnen. Die Klubs, die den Spieler zwischen seinem zw√∂lften und 15. Geburtstag (vier Spielzeiten) ausgebildet haben, erhalten f√ľr jede Saison 10.000 Euro. Die Klubs, die den Spieler in der Saison seines 16. und 17. Geburtstages ausgebildet haben, erhalten jeweils 60.000 Euro. Insgesamt f√§llt also eine Ausbildungsentsch√§digung in H√∂he von 160.000 an.¬†

WIR PROFIS: Nach zwei Jahren wechselt dieser Spieler im Alter von 19 Jahren nach Ablauf seines Vertrages als Berufsspieler zu einem englischen Drittligisten. Wie wird nun die Ausbildungsentschädigung berechnet?

Dr. Frank Rybak:¬†Bei sp√§teren ‚Äď internationalen ‚Äď Wechseln als Berufsspieler, ist vom neuen Klub nur f√ľr die Zeitdauer, w√§hrend der der Spieler vom abgebenden Klub ausgebildet worden ist, eine Ausbildungsentsch√§digung an den ehemaligen Klub zu entrichten. Bei nachfolgenden Transfers berechnet sich die Ausbildungsentsch√§digung durch die Multiplikation der Trainingskosten des neuen Klubs mit der Anzahl der Trainingsjahre beim ehemaligen Klub. Ein englischer Drittligist ist der UEFA-Kategorie III zuzuordnen. Der d√§nische SuperligaenKlub hat daher gegen den englischen Klub der League One einen Anspruch auf Ausbildungsentsch√§digung in H√∂he von zweimal 30.000 Euro gleich 60.000 Euro ‚Äď wenn er dem Spieler rechtzeitig einen neuen Vertrag angeboten hat.

WIR PROFIS: Ist es also von Bedeutung, ob der ehemalige Klub dem Spieler einen neuen Arbeitsvertrag angeboten hat? 

Dr. Frank Rybak:¬†Ja, aber nur bei Transfers innerhalb der EU oder des EWR ‚Äď unabh√§ngig von der Nationalit√§t des Spielers. Der ehemalige Klub muss dem Spieler bis sp√§testens 60 Tage vor Ablauf des aktuellen Arbeitsvertrages mittels Einschreibebrief einen schriftlichen Vertrag anbieten, wobei das Vertragsangebot nicht niedriger sein darf als der aktuelle Vertrag. Unterbreitet der Klub das Vertragsangebot, ist die Entsch√§digung zu zahlen, unterl√§sst der Klub das Vertragsangebot, ist keine Entsch√§digung geschuldet.

WIR PROFIS: Wie wäre es, wenn der Spieler während eines laufenden Arbeitsvertrages von Dänemark nach England transferiert wird?

Dr. Frank Rybak:¬†Auch in diesem Fall entsteht grunds√§tzlich ein Anspruch auf eine Ausbildungsentsch√§digung. Allerdings muss sich der abgebende Klub sein Recht auf eine Ausbildungsentsch√§digung im Transfervertrag ausdr√ľcklich vorbehalten, denn nach der Rechtsprechung des Court of Arbitration for Sport (CAS) und der Dispute Resolution Chamber (DRC) wird in diesem Fall vermutet, dass die beiden beteiligten Klubs s√§mtliche finanziellen Aspekte des Transfers inklusive einer Ausbildungsentsch√§digung im Transfervertrag geregelt haben. Ohne einen entsprechenden Vorbehalt im Transfervertrag ist keine Ausbildungsentsch√§digung geschuldet.

WIR PROFIS:¬†Nun wird derselbe Spieler im Alter von 23 Jahren von seinem englischen League One-Klub zu einem deutschen Zweitligisten transferiert, wo er Lizenzspieler wird. Welche Anspr√ľche entstehen dadurch?¬†

Dr. Frank Rybak: Eine Ausbildungsentschädigung fällt nicht an, wenn der Transfer nach dem Ende der Spielzeit erfolgt, in welcher der Spieler 23 Jahre alt geworden ist. Der englische Klub erhält also keine Ausbildungsentschädigung von dem deutschen Zweitligisten.

WIR PROFIS: Neuer Fall: Ein 18-jähriger Brasilianer wechselt von einem brasilianischen Zweitligisten (Série B) in die Bundesliga und wird dort Lizenzspieler. Wie hoch ist die Ausbildungsentschädigung?

Dr. Frank Rybak:¬†Ausgehend davon, dass der Spieler bereits bei dem brasilianischen Klub Berufsspieler war, hat nur der brasilianische Zweitligist Anspruch auf eine Ausbildungsentsch√§digung, nicht aber andere brasilianische Klubs, bei denen der Spieler vorher als Jugendspieler t√§tig war. F√ľr jedes Jahr, das der Spieler ab der Saison seines 16. Geburtstages bei dem brasilianischen Zweitligisten unter Vertrag war, muss der BundesligaKlub 90.000 Euro zahlen.

WIR PROFIS:¬†Derselbe Spieler wird nach zwei Jahren in Deutschland f√ľr ein Jahr an einen niederl√§ndischen Erstligisten verliehen. Inwieweit muss hier Ausbildungsentsch√§digung gezahlt werden?

Dr. Frank Rybak:¬†Bei einer Leihe gelten grunds√§tzlich die gleichen Bestimmungen wie bei einem endg√ľltigen Spielertransfer, einschlie√ülich derjenigen betreffend die Ausbildungsentsch√§digung. Bei einer Leihe verh√§lt es sich aber √§hnlich wie bei einem endg√ľltigen Transfer w√§hrend eines laufenden Arbeitsvertrages, bei dem die Klubs einen Transfervertrag abschlie√üen. Es wird vermutet, dass die beiden Klubs s√§mtliche Aspekte der Leihe inklusive einer Ausbildungsentsch√§digung im Leihvertrag geregelt haben; ohne eine ausdr√ľckliche entsprechende Vereinbarung oder einen entsprechenden Vorbehalt im Leihvertrag ist keine Ausbildungsentsch√§digung geschuldet. Das hei√üt, sowohl beim leihweisen Transfer des Spielers vom Stammklub in der Bundesliga zum entleihenden Klub in der Eredivisie als auch bei der R√ľckkehr des Spielers zu seinem Stammklub am Ende der Leihe ist eine Ausbildungsentsch√§digung nur zu zahlen, wenn dies der Leihvertrag zwischen den Klubs vorsieht.

WIR PROFIS: Wie ist es bei vertragslosen Spielern?

Dr. Frank Rybak: Eine Ausbildungsentschädigung ist auch geschuldet, wenn ein Spieler, der bereits Berufsspieler ist, als vertragsloser Spieler wechselt. 

WIR PROFIS:¬†H√§ufig wird die VDV gefragt, inwieweit Spieler oder Eltern selbst die FIFA-Ausbildungsentsch√§digung zahlen k√∂nnen oder m√ľssen, um einen Transfer zu erm√∂glichen.

Dr. Frank Rybak:¬†Viele internationale Transfers junger Spieler kommen nicht zustande, weil interessierte Klubs keine Ausbildungsentsch√§digung zahlen wollen oder sich unsicher sind, ob und in welcher H√∂he √ľberhaupt eine Ausbildungsentsch√§digung anf√§llt. Das ist bedauerlich, und selbstverst√§ndlich muss man das gesamte System der Ausbildungsentsch√§digung der FIFA in Frage stellen. Unabh√§ngig von Vereinbarungen mit dem Spieler oder seinen Eltern bleibt Schuldner einer Ausbildungsentsch√§digung immer der Klub, der den Spieler als Berufsspieler registriert. Nach arbeitsrechtlichen Grunds√§tzen w√§re es auch unzul√§ssig, dass der aufnehmende Klub im Arbeitsvertrag mit dem Spieler vereinbart, dass im Innenverh√§ltnis der Spieler eine etwa anfallende Ausbildungsentsch√§digung zu tragen hat. Nichtsdestotrotz sollten weder Spieler noch Eltern √ľberhaupt eine entsprechende Verpflichtung eingehen.¬†

M√∂glich ist, dass ein anspruchsberechtigter ausbildender Klub durch eine einseitige Erkl√§rung ganz oder teilweise auf seine Ausbildungsentsch√§digung verzichtet. Droht ein Transfer an der Ausbildungsentsch√§digung zu scheitern, ist dem Spieler eher zu empfehlen, sich bei den anspruchsberechtigten Klubs um entsprechende Verzichtserkl√§rungen zu bem√ľhen.

Ein Interview √ľber die FIFA-Grunds√§tze zur Ausbildungsentsch√§digung aus der WIR PROFIS 1/2016 gibt‚Äôs hier!

 

Werde jetzt VDV-Mitglied:

Weil bei uns der Spieler als Mensch zählt!

Deine Vorteile

Mitgliedsantrag