Weil bei uns der Spieler als Mensch zählt!
Mehr als nur ein Hashtag
„Come back stronger“
Als Kniechirurg, Mannschaftsarzt des 1. FC Nürnberg und Teil der medizinischen Kommission des DFB ist Prof. Dr. Werner Krutsch mit schwereren Verletzungen im Profisport sowie deren möglichen Folgen bestens vertraut. In den vergangenen Jahren forschte er, unter anderem mit Unterstützung der VDV, im Rahmen mehrerer Projekte über Häufigkeit und wiederkehrende Muster von Sportverletzungen.
WIR PROFIS: Werner, im vergangenen Jahr hast du mit deinem Team eine Studie in Kooperation mit der VDV publiziert. Worum ging es dabei?
Werner Krutsch: Wir wollten zeigen, welchen Einfluss Verletzungen von Fußballprofis auf den weiteren Verlauf und das Ende der aktiven Karriere haben können. Hierzu hatten wir mithilfe der VDV etwa 120 Ex-Profis zu ihrer Gesundheits- und Verletzungshistorie befragt. Die Spieler wurden retrospektiv in zwei Gruppen eingeteilt: eine mit solchen, bei denen eine Verletzung zum Karriereende geführt hat, und eine, bei denen dies nicht der Fall war. Anschließend wurden die Ergebnisse analysiert.
WIR PROFIS: Mit welchem Ergebnis?
Werner Krutsch: Dass Verletzungen ganz offenbar die häufigste Ursache für das Karriereende von Fußballprofis sind: Rund zwei Drittel der Befragten gaben an, dass medizinische Gründe für das Ende ihrer Laufbahn verantwortlich waren. Am häufigsten waren dabei Knie oder Sprunggelenk betroffen. Diese Gruppe hatte darüber hinaus auch deutlich häufiger mit gesundheitlichen Problemen nach dem Karriereende zu kämpfen – sowohl körperlich als auch psychisch.
WIR PROFIS: Welche konkreten Handlungsempfehlungen lassen sich aus diesen Daten ableiten?
Werner Krutsch: Da gibt es einige. Insbesondere bei schweren Knieverletzungen sollten sich die Klubs noch stärker bemühen, die Spieler enger zu begleiten; und zwar vom Zeitpunkt der OP bis zur Rückkehr auf den Platz. Dazu gehört auch, psychologische Hilfe anzubieten. Unsere Studie hat gezeigt, dass Betroffene ihre Diagnose rückwirkend sehr oft als Startpunkt einer regelrechten Negativspirale interpretieren. Gerade junge Spieler fallen häufig in ein Loch, wenn die erste größere Blessur sie für längere Zeit außer Gefecht setzt. Damit sollte man sie nicht alleine lassen, denn der Körper ist das Kapital der Spieler und das Gefühl der fehlenden Unversehrtheit nach einer Verletzung kann zum Problem werden. Über allem muss dann aber natürlich die Prävention von erneuten Verletzungen stehen!
WIR PROFIS: Was können die Spieler selbst für die Prävention tun?
Werner Krutsch: „Come back stronger“ sollte nicht einfach nur ein Hashtag sein, den Spieler in den sozialen Medien posten, sondern eine Zielsetzung: Optimalerweise kehre ich als Profi nämlich in besserer Form auf den Platz zurück, als ich es vor der Verletzung war – das geht wirklich! Leider sieht die Realität meist anders aus, denn die meisten wollen nachvollziehbarerweise schnellstmöglich wieder spielen. Prozesse wie Gewebeheilung oder der funktionelle Aufbau nach der verletzungsbedingten Ruhephase lassen sich aber eben nicht austricksen oder ersetzen. Ein Beispiel: Bei einem Kreuzbandriss rechnet heute jeder pauschal mit einer Ausfallzeit von etwa sechs Monaten, tatsächlich sollten es allerdings besser acht oder neun Monate sein. Das würde das Risiko für Folgeverletzungen deutlich reduzieren. Zudem kann die Reha-Phase nach einer langen Verletzung genutzt werden, um die Performance anderer Körperpartien zu verbessern.
WIR PROFIS: Planst du weitere Forschungsprojekte zum Thema Verletzungen bei Fußballern?
Werner Krutsch: Auf jeden Fall! Ich sehe zum Beispiel großen Aufklärungsbedarf beim Thema Kniegelenk. Wir müssen einerseits dahin kommen, dass wir die – meistens operative – Behandlung von Kniegelenksverletzungen weiter optimieren, nachhaltig die Spielfähigkeit wiederherstellen und gleichzeitig dafür sorgen, dass die schwere Knieverletzung höchstens eine Karrierepause, nicht aber einen Karriereknick nach sich zieht. Unsere gemeinsamen Analysen mit der VBG, aber auch das „Kreuzbandregister im Deutschen Fußball“ geben bereits teilweise konkrete Anhaltspunkte her, an die wir unbedingt anknüpfen müssen. Die Message unserer Forschung ist: Schwere Knieverletzungen wie Kreuzbandrisse sind gut behandelbar und nicht das direkte Karriereende – aber es müssen viele Dinge bei der OP, der Reha und der Rückkehr auf den Platz berücksichtigt werden, damit es wieder wie vor der Verletzung und auch nachhaltig weitergehen kann.